Entries 00081-00100

ENTRY NUMBER 00100:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

10 DECEMBER 2002, TUESDAY, MUNICH, GERMANY.

“Vicious”

(4)

On the first weekday after I sent the e-mail, I received another telephone call from the same person whose comments had occasioned the message in the first place. He was beside himself. He was absolutely furious, and he expressed his anger in that peculiar way Germans have of showing their displeasure. Or in any case it was the way in which we Americans have seen and heard Germans voice their rage in countless movies. “You’re vicious. Vicious! VICIOUS!” he screamed over and over again. “You’ve twisted my words once more! I never said – NEVER SAID – that you’d be ‘disinvited’ out of Germany.” Then he used the word many Germans love to use in such situations, because they seem to think it will deliver the final, crushing blow to an opponent: “That is polemic! Polemic! POLEMIC!” he yelled.

(To be continued)

10 DEZEMBER 2002, DIENSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Bösartig“

(4)

Am ersten Werktage, nachdem ich den Betroffenen die E-Mail gesendet hatte, habe ich noch einen Telefonanruf von dem Menschen, dessen Bemerkungen von vornherein meine E-Mail verursacht hatte. Er war wutentbrannt. Er war absolut wütend auf mich, und er hat auf eine vielleicht besonders deutsche Art und Weise seine Wut geäußert. Auf jeden Fall war es die Art und Weise, wie wir Amerikaner Deutsche in zahlreichen Spielfilmen gesehen und gehört haben, die ihren Zorn zum Ausdruck bringen. „Sie sind bösartig. Bösartig! BÖSARTIG!” schrie er immer wieder. “Sie haben meine Worte noch einmal verdreht! Ich habe nie gesagt, NIE GESAGT, dass Sie ‚ausgeladen’ werden würden“. Dann verwendete er das Wort, dass viele Deutsche in solchen Situationen sehr gern verwenden, weil sie anscheinend denken, es wird ihrem Gegner den endgültigen, vernichtenden Schlag versetzen: “Das ist Polemik! Polemik! POLEMIK!“ brüllte er.

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00099:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

9 DECEMBER 2002, MONDAY, MUNICH, GERMANY.

“Vicious”

(3)

In my e-mail, I also added that if the remark about me as a “guest” in Germany was a reference to the fact that I could be “uninvited” and sent back to the United States, then it should not be forgotten that an idiot can write a journal anywhere in the world. More than that, he can publish the truth in the internet, wherever he might be living, even in Honolulu.

(To be continued)

9 DEZEMBER 2002, MONTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Bösartig“

(3)

Ich habe in meiner E-Mail auch hinzugefügt, dass, wenn die Bemerkung über mich als „Gast“ in Deutschland eine Andeutung darauf war, dass ich „ausgeladen“ und nach meiner Heimat zurückgeschickt werden könnte, man nicht vergessen sollte, dass ein Idiot ein Tagebuch überall auf der Welt schreiben kann. Zudem kann er die Wahrheit im Internet veröffentlichen, wo er auch immer wohnen mag, sogar in Honolulu.

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00098:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

8 DECEMBER 2002, SUNDAY, MUNICH, GERMANY.

“Vicious”

(2)

During the telephone call from the Technical University, the caller had said to me that he couldn’t understand how I, as a “guest” in the “house” that was Germany, could criticize the country so much.

In response to that, in the e-mail I later sent to those whose names were to be removed from the distribution list, I wrote that anyone could visit a house where he really liked the owners, but where the he thought the servants were a disaster. In other words, I said, my attitude toward Germany was the same as that of other Americans in the past. We like the Germans, but at the same time we feel very sorry for them, because they have to put up with politicians, officials, and bureaucrats who apparently still do not know that in a democracy, it is precisely they – the politicians, officials, and bureaucrats – who are supposed to serve the people, and not the other way around.

(To be continued)

8 DEZEMBER 2002, SONNTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Bösartig“

(2)

Während des Anrufes von der Technischen Universität hatte der Anrufer mir auch gesagt, er könne nicht verstehen, wie ich, als „Gast“ im „Haus“ Deutschland, so viel Kritik an das Land üben könne.

In meiner späteren E-Mail an die Betroffenen schrieb ich, dass man ein Haus besuchen könne, wo er die Besitzer sehr gern habe, wo aber er die Diener katastrophal finde. Anders gesagt sei meine Einstellung Deutschland gegenüber dieselbe, wie sie bei uns Amerikanern oft in der Vergangenheit war. Wir mögen die Deutschen, aber gleichzeitig tun uns dieses Volk sehr leid, weil es sich mit Politikern, Beamten und Bürokraten abfinden muss, die anscheinend immer noch nicht wissen, dass es in einer Demokratie genau sie sind – Politikern, Beamten und Bürokraten – die dem Volk dienen sollten, und nicht umgekehrt.

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00097:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

7 DECEMBER 2002, SATURDAY, MUNICH, GERMANY.

“Vicious”

(1)

I got a telephone call from the Technical University of Munich, during which the caller mentioned to me that various people at the university wanted their names removed from the distribution list for my journal. I said I would do that gladly and that I would have done it even sooner if they had told me that that was what they wanted.

Then I sent an e-mail to those individuals in which I confirmed that that their names had been removed from the distribution list and replaced with the e-mail addresses of The National Review, the BBC, and PBS, the American public television channel.

(To be continued)

7 DEZEMBER 2002, SAMSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Bösartig“

(1)

Ich habe einen Telefonanruf von der Technischen Universität München empfangen, worin der Anrufer mir erwähnte, dass verschiedene Menschen an der Universität wollen, dass ihre Namen aus dem Verteiler meines Tagebuchs gestrickt werden. Ich sagte, ich tue das sehr gern und hätte es sogar früher getan, wenn diese Menschen es mir gesagt hätten, das sei ihr Wünsch.

Dann habe ich eine E-Mail an die Betroffenen gerichtet, in der ich bestätigte, dass ich ihre Namen aus dem Verteiler gestrickt und sie durch die E-Mail-Adressen der amerikanischen Zeitschrift „The National Review“, der BBC und des amerikanischen öffentlich-rechtlichen Fernsehkanals PBS ersetzt habe.

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00096:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

6 DECEMBER 2002, TUESDAY, MUNICH, GERMANY.

Annals of Bureaucracy – an “Infosheet” Story

(7)

My friend looked at me the way people look at a hopelessly stupid puppy. “Ah, my dear,” she said, “I too wish I were wrong. Unfortunately, I’m afraid that the problems in your little Language Center at the Technical University of Munich are all too representative of the mess that Germany is in now – and every day a little deeper.”

6 DEZEMBER 2002, DIENSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

Annalen der Bürokratie – Eine „Infoblatt“-Geschichte

(7)

Meine Freundin schaute mich an, genauso wie man ein rettungslos dummes Hündchen anschaut und sagte, „Ach, mein Lieber, ich auch wünschte, dass ich Unrecht habe. Leider fürchte ich, dass die Probleme in deinem kleinen Sprachenzentrum an der Technischen Universität München all zu repräsentativ sind, für das Schlamassel, in dem Deutschland sich jetzt befindet – und jeden Tag ein bisschen tiefer.“

============================ENTRY NUMBER 00095:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

5 DECEMBER 2002, THURSDAY, MUNICH, GERMANY.

Annals of Bureaucracy – an “Infosheet” Story

(6)

“A friend said to me that it’s possible that the communications problem that the Language Center has are symptomatic of the much larger problems and crises that Germany is, unfortunately, suffering from today.

“I hope my friend is wrong. I hope Germany’s problems are not, relatively speaking, as large as that. With much love – Bob.”

(To be continued)

5 DEZEMBER 2002, DONNERSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

Annalen der Bürokratie – Eine „Infoblatt“-Geschichte

(6)

„Eine Freundin sagte mir, dass die Kommunikationsprobleme des Sprachenzentrums nur für die viel größeren Probleme und Krisen, unter denen Deutschland heutzutage unglücklicherweise leidet, symptomatisch seien.

Hoffentlich hat meine Freundin Unrecht. Hoffentlich sind Deutschlands Probleme nicht, verhältnismäßig gesprochen, so groß. Viele liebe Grüße – Bob.”

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00094:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

4 DECEMBER 2002, WEDNESDAY, MUNICH, GERMANY.

Annals of Bureaucracy – an “Infosheet” Story

(5)

“There are no bullying and harassment problems!” I replied, a little too loudly.

I said that in any case I’d decided to send another e-mail with the completed “Infosheet” to several people, in the hope that further problems could be avoided. This e-mail went as follows:

“It has occurred to me that it might be useful to try to send you another copy of the ‘Infosheet’ by e-mail.

“Because in the Language Center so many messages are lost, one can’t be too careful. I hope that one of these seven ‘Infosheets’ – three sent by regular mail and four by e-mail – will reach the Language Center.”

(To be continued)

4 DEZEMBER 2002, MITTWOCH, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

Annalen der Bürokratie – Eine „Infoblatt“-Geschichte

(5)

„Es gibt keine Mobbing- und Schikaneprobleme!“ antwortete ich, ein bisschen zu laut.

Auf jeden Fall, sagte ich, ich hätte darüber entschieden, noch eine E-Mail mit dem ausgefüllten Infoblatt mehreren Personen zuzuschicken, mit der Hoffnung, dass weitere Probleme zu vermeiden sei. Diese E-Mail ging:

„Es ist mir eingefallen, dass es sich vielleicht lohnen würde, zu versuchen, Ihnen noch eine Kopie des Infoblatts per E-Mail zuzuschicken.

Weil es im Sprachenzentrum immer noch so viele verloren gegangenen Nachrichten gibt, kann man vielleicht nicht zu vorsichtig sein. Hoffentlich wird eins von diesen sieben Infoblättern – drei per Post geschickt und vier per E-Mail – das Sprachenzentrum erreichen“.

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00093:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

3 DECEMBER 2002, TUESDAY, MUNICH, GERMANY.

Annals of Bureaucracy – an “Infosheet” Story

(4)

“Don’t worry – I’ve already sent a copy to the Language Center with two backup copies to other people. All were sent by regular mail, so I think one of these copies should arrive. If not, then I’ll send another copy to the university president and ask him to please try to solve these unfortunately endless communications problems at the Language Center. With much love, Bob.”

My friend laughed till she cried. “You sweet idiot, do you think that these communication problems can ever really be solved? Or to put it more accurately: these bullying and harassment problems?”

(To be continued)

3 DEZEMBER 2002, DIENSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

Annalen der Bürokratie – Eine „Infoblatt“-Geschichte

(4)

„Keine Sorge – ich habe schon eine Kopie dem Sprachenzentrum, und zwei Sicherungskopien zwei anderen Personen zugeschickt, alle per Post. Ich glaube, eine von diesen Kopien ankommen werde. Wenn nicht, dann schicke ich noch eine Kopie dem Präsidenten Herrmann zu, zusammen mit einer freundlichen Bitte, dass er versuche, diese leider endlosen Kommunikationsprobleme des Sprachenzentrums zu erledigen. Viele liebe Grüße – Bob.“

Meine Freundin lachte Tränen. „Du lieber Idiot, glaubst du, dass diese Kommunikationsprobleme im Sprachenzentrum wirklich zu erledigen sind? Oder besser gesagt, diese Probleme mit Mobbing und Schikane?“

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00092:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

2 DECEMBER 2002, MONDAY, MUNICH, GERMANY.

Annals of Bureaucracy – an “Infosheet” Story

(3)

“You poor fool,” my friend said to me softly, “don’t you understand, even now, that the harassment that started in the summer is still going on?

I said I could hardly believe that.

“And then, as you told me, you once again sent the information that was asked for, with backup copies to two other people?”

I replied that I’d sent the following e-mail to my Language Center Team:

(To be continued)

2 DEZEMBER 2002, MONTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

Annalen der Bürokratie – Eine „Infoblatt“-Geschichte

(3)

„Du armer Trottel“, sagte mir meine Freundin leise, „verstehst Du immer noch nicht, dass die Schikane, die im Sommer anfing, weitergeht?“

Das könne ich kaum glauben, sagte ich.

„Und du hast mir schon gesagt, du hättest die angeforderte Auskünfte wieder gesendet, mit Sicherungskopien an zwei andere Menschen?“

Ich erwiderte, dass ich meinem Sprachenzentrum-Team die folgende E-Mail zugeschickt hatte:

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00091:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

1 DECEMBER 2002, SUNDAY, MUNICH, GERMANY.

Annals of Bureaucracy – an “Infosheet” Story

(2)

“An idea from our colleague who teaches rhetoric, … that the “Infosheet” sheet be sent out as an attachment that you can download and store in your computer … and use for the coming semester! Please return it to us by fax or as an e-mail attachment …. Kind regards, your Language Center Team.”

Then I told my friend that I’d completed the “Infosheet” and returned it yesterday by e-mail. Twelve hours later, a little before midnight, I received another e-mail from my Language Center Team:

“Unfortunately the attachment didn’t work! Can you please send it again? Yours sincerely, your Language Center Team.”

(To be continued)

1 DEZEMBER 2002, SONNTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

Annalen der Bürokratie – Eine „Infoblatt“-Geschichte

(2)

„Eine Idee von unserer Rhetorik Kollegin ……. (nämlich) das Infoblatt (hiermit) als Anhang, damit du es herunterladen kannst und auf deinem Computer speichern kannst…und für zukünftige Semester gebrauchen kannst! Bitte an uns zurückschicken per Fax oder als Anhang per E-Mail …. Es grüßt dich Dein Sprachenzentrum-Team.“

Dann sagte ich meiner Freundin, ich habe das Blatt ausgefüllt und es gestern per E-Mail zurückgeschickt. Dann ungefähr zwölf Stunden später, kurz vor Mitternacht, habe ich noch eine E-Mail von meinem Sprachenzentrum-Team erhalten:

„Leider hat es mit dem Anhang nicht geklappt! Kannst Du es bitte nochmals senden? Mit freundlichen Grüßen, Dein Sprachenzentrum-Team!“

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00090:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

30 NOVEMBER 2002, SATURDAY, MUNICH, GERMANY.

Annals of Bureaucracy – an “Infosheet” Story

(1)

One of my friends was almost beside herself. When she’d managed to stop laughing, she said to me, “You poor idiot, tell me the story again. It’s absolutely priceless.”

I didn’t really want to, but I told her once more how I’d received the following e-mail from the Language Center at the Technical University of Munich. In the e-mail, the writer mentions a certain “Infosheet,” a kind of form that we instructors have to submit. It contains information about our courses for the coming semester. The text of the e-mail ran:

(To be continued)

30 NOVEMBER 2002, SAMSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

Annalen der Bürokratie – Eine „Infoblatt“-Geschichte

(1)

Eine meiner Freundinnen war fast außer sich vor Gelächter. Als sie die Beherrschung wiedergewonnen hatte, sagte sie mir, „Du armer Idiot, erzähl mir noch einmal die Geschichte. Sie ist einfach zu köstlich“.

Trotz anfänglichem Widerstreben, erzählte ich ihr zum zweiten Mal, dass ich vor ein paar Tage die folgende E-Mail vom Sprachenzentrum der Technischen Universität München erhalten hätte, in der man vom „Infoblatt“ spricht, d.h. dem Blatt mit Auskünften über unsere Kurse des kommenden Semesters, das wir Lehrer einreichen müssen. Die E-Mail ging:

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00089:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

29 NOVEMBER 2002, FRIDAY, MUNICH, GERMANY.

“Germany: where everyone is afraid of everyone”

(14)

“This is an almost hysterical analysis ….” (Michael Naumann, „Das Reich des Guten, Die Zeit, Politik, 46/2002)

“Widespread fear, whether groundless or not, quite easily lends itself to being politically exploited …. Almost every level of society is susceptible – even those Germans who consider themselves in the political center. According to the study (by the Bielefelder Institut), nearly one German out of five could be mobilised by populists of the right-wing. Assuming there was a clever vote-getter.” (Jochen Bittner, „Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fuerchtet“, DIE ZEIT, Politik, 46/2002)

“Like the ‘clever vote-getter’ we once had in Germany,” a friend remarked, “in 1933.”

29 NOVEMBER 2002, FREITAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“

(14)

„Das ist eine fast hysterische Analyse….“ (Michael Naumann, „Das Reich des Guten, Die Zeit, Politik, 46/2002)

„Allgemeine Ängste, ob real oder irreal, ließen sich politisch leicht instrumentalisieren.… Fast alle Bevölkerungsschichten seien dafür anfällig – gerade auch jene Deutschen, die sich zur politischen Mitte zählten. Fast jeder Fünfte, so die Untersuchung (des Bielefelder Instituts), könnte sich von Rechtspopulisten mobilisieren lassen. Vorausgesetzt, es gäbe einen geschickten Stimmungssammler“. (Jochen Bittner, „Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“, DIE ZEIT, Politik, 46/2002)

“Wie der ‚geschickte Stimmungssammler’, den wir schon einmal in Deutschland hatten“, bemerkte ein Freund, „in 1933“.
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============================ENTRY NUMBER 00088:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

28 NOVEMBER 2002, THURSDAY, MUNICH, GERMANY.

“Germany: where everyone is afraid of everyone”

(13)

“In Kissinger’s words: ‘In this way, at the end of the German election campaign (in September 2002) victory was probably achieved by a combination of pacifism, nationalism of the left and the right, and the invoking of a special German way, which reminded one of the Germany under Kaiser Wilhelm. However, if Germany insults the USA, rejects the position of the United Nations, and acts in the name of a ‘German Way,’ without consulting other European countries, then Germany is threatened with isolation and a return to the state of affairs that existed in Europe before the First World War.’

“This is an almost hysterical analysis….”

(Michael Naumann, „Das Reich des Guten, Die Zeit, Politik, 46/2002)

(To be continued)

28 NOVEMBER 2002, DONNERSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“

(13)

„In Kissingers Worten: ‚So wurde am Ende des deutschen Wahlkampfs der Sieg möglicherweise durch eine Kombination aus Pazifismus, linkem und rechten Nationalismus und dem Beschwören eines spezifisch deutschen Wegs, der an das Wilhelminische Deutschland erinnert, errungen. Aber wenn Deutschland die USA beleidigt, die Haltung der Vereinten Nationen ablehnt und ohne Rücksprache mit den anderen europäischen Staaten im Namen eines ‚deutschen Wegs’ handelt, drohen ihm Isolation und eine Rückkehr zu den europäischen Verhältnissen vor dem Ersten Weltkrieg’.

Das ist eine fast hysterische Analyse….“

(Michael Naumann, „Das Reich des Guten, Die Zeit, Politik, 46/2002)

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00087:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

27 NOVEMBER 2002, WEDNESDAY, MUNICH, GERMANY.

“Germany: where everyone is afraid of everyone”

(12)

„Henry Kissinger, respected observer of transatlantic relations, is now afraid that anti-Americanism could become the hallmark of German politics. ‘Anti-Americanism’ was once the privilege of arrogant German conservatism closely allied with all kinds of variants of anti-Semitism. Their common objects of dread were materialism and business, pluralistic democracy, freedom of the press, the ‘literature of urban rootlessness,’ licentiousness. They were all held together by the illusion of national superiority….” (Michael Naumann, „Das Reich des Guten, Die Zeit, Politik, 46/2002)

(To be continued)

27 NOVEMBER 2002, MITTWOCH, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“

(12)

„Henry Kissinger, respektierter Augur atlantischer Beziehungen, fürchtet nun, Antiamerikanismus könnte zu einem Merkmal deutscher Politik werden. ‚Antiamerikanismus’ war einmal das Privileg des arroganten deutschen Kulturkonservatismus, eng verwandt mit allerlei Varianten des Antisemitismus. Ihre gemeinsamen Obsessionen hießen Materialismus und Handelsgeist, pluralistische Demokratie, Pressefreiheit, ‚Asphaltliteratur’, sittliche Zügellosigkeit, alles zusammengehalten von der Illusion völkischer Überlegenheit….“ (Michael Naumann, „Das Reich des Guten, Die Zeit, Politik, 46/2002)

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00086:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

26 NOVEMBER 2002, TUESDAY, MUNICH, GERMANY.

“Germany: where everyone is afraid of everyone”

(11)

“Today twenty-two percent of Germans would complain of too much Jewish influence. In this context, the authors expressly criticized the fact that the number of incidents of desecration of Jewish cemeteries has doubled since the nineteen-seventies.” (Study, „Deutsche Zustände,“ by the Bielefelder Institut fuer interdisziplinaere Konflikt- und Gewaltforschung, quoted in „Deutsche wenden sich von liberalen Werten ab“, Sueddeutsche Zeitung, 8 November 2002)

(To be continued)

26 NOVEMBER 2002, DIENSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“

(11)

„Heute würden sich 22 Prozent der Deutschen über zu viel Einfluss von Juden beklagen. (Man) kritisierte in diesem Zusammenhang ausdrücklich, dass die Schändungen jüdischer Friedhöfe sich seit den siebziger Jahren verdoppelt hätten“. (Studie „Deutsche Zustände“ des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, zitiert in „Deutsche wenden sich von liberalen Werten ab“, Süddeutsche Zeitung, 8 November 2002)

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00085:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

25 NOVEMBER 2002, MONDAY, MUNICH, GERMANY.

“Germany: where everyone is afraid of everyone”

(10)

A friend commented: “Maybe that’s the reason why German university officials and bureaucrats too are not ‘ready to consider that members of minorities and socially weak groups are their equals as human beings’. We have to be patient with these officials and bureaucrats. They’re suffering from ‘economic insecurity.’”

(To be continued)

25 NOVEMBER 2002, MONTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“

(10)

„Vielleicht ist das der Grund dafür“, sagte mir ein Freund, „dass auch deutsche Universitätsbeamte und -bürokraten nicht bereit sind, ‚Angehörige von Minderheiten und sozial schwachen Gruppen als gleichwertige Menschen zu achten’. Wir müssen Geduld mit diesen Beamten und Bürokraten haben. Sie leiden unter ‚wirtschaftlicher Verunsicherung’“.

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00084:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

24 NOVEMBER 2002, SUNDAY, MUNICH, GERMANY.

“Germany: where everyone is afraid of everyone”

(9)

“Seventy-one percent (of Germans) are of the opinion that Moslems in Germany should not live according to the tenets of their religion….

“Sixty-six percent judge the economic situation in Germany as ‘bad or very bad’….Economic insecurity, say the authors of the study, interacts dangerously with the social fabric. The less any individual feels recognized in a society and integrated into it, the less he will feel prepared to consider that members of minorities and of socially weak groups are his equals as human beings. In short, if the rawness of the economic climate increases, the atmosphere in human relations becomes cooler.” (Jochen Bittner, „Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fuerchtet“, DIE ZEIT, Politik, 46/2002)

(To be continued)

24 NOVEMBER 2002, SONNTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“

(9)

„71 Prozent (der Deutschen) sind der Meinung, Muslime sollten hierzulande nicht nach ihren eigenen Glaubensgesetzen leben….

66 Prozent bewerten die wirtschaftliche Lage in Deutschland als ‚schlecht bis sehr schlecht’…. Die wirtschaftliche Verunsicherung, sagen die Autoren der Studie, habe eine gefährliche Wechselwirkung: Je weniger der Einzelne sich in der Gesellschaft anerkannt, je weniger er sich also integriert fühle, desto weniger werde er bereit sein, Angehörige von Minderheiten und sozial schwachen Gruppen als gleichwertige Menschen zu achten. Kurz: Wird das wirtschaftliche Klima rauer, kühlt auch die zwischenmenschliche Atmosphäre ab.“ (Jochen Bittner, „Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“, DIE ZEIT, Politik, 46/2002).

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00083:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

23 NOVEMBER 2002, SATURDAY, MUNICH, GERMANY.

“Germany: where everyone is afraid of everyone”

(8)

“Well, no one can deny,” a friend of mine said, “that many people in the academic world in Germany have had firsthand experience of what it means when the ‘privileges of those already established in the country are exercised.’ German universities are a reflection of the larger society they’re part of. So what do you expect? In any case, Herr Bittner’s remarks somehow remind me of the words of a German friend who once said to me, ‘In our democracy, stupid people should not be allowed to vote. There should be a test that you have to pass if you want to vote. No one is allowed to drive a car with passing a test, so why should stupid people be allowed to vote if there not capable of it?’”

(To be continued)

23 NOVEMBER 2002, SAMSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“

(8)

„Na ja“, sagte eine Freundin, „es lässt sich nicht bestreiten, dass viele auch in der akademischen Welt in Deutschland ‚die Vorrechte der Etablierten’ am eigenen Leib erfahren haben. Die deutschen Universitäten spiegeln die deutsche Gesellschaft wider. Also, was erwartest du? Auf jeden Fall, irgendwie erinnern mich die Bemerkungen von Herrn Bittner an die Worte eines deutschen Freundes, der mir einmal sagte, ‚In unserer Demokratie sollten Dumme Leute nicht wählen dürfen. Es sollte eine Prüfung geben, die man bestehen muss, wenn er wählen will. Niemand darf ein Auto fahren, ohne eine Prüfung bestanden zu haben, also warum dürfen dumme Leute wählen, wenn sie nicht dazu fähig sind?’“

(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00082:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

22 NOVEMBER 2002, FRIDAY, MUNICH, GERMANY.

“Germany: where everyone is afraid of everyone”

(7)

“The privileges of those already established in the country are obviously very important for Germans. Forty percent think that those who have always lived in Germany should have more rights than those who arrived later. Fifty-eight percent of Germans believe that whoever is new in the country should first be content with less.” (Jochen Bittner, „Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fuerchtet“, DIE ZEIT, Politik, 46/2002)

(To be continued)

22 NOVEMBER 2002, FREITAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“

(7)
„Die Vorrechte der Etablierten sind für viele Deutsche offenbar sehr wichtig. 40 Prozent finden, dass diejenigen, die schon immer hier leben, mehr Rechte haben sollten als diejenigen, die später zugezogen sind. Wer neu ist, sagen 58 Prozent, müsse sich erst einmal mit weniger zufrieden geben“. (Jochen Bittner, „Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“, DIE ZEIT, Politik, 46/2002)
(Fortsetzung folgt)

============================ENTRY NUMBER 00081:

(Eine Deutsche Fassung steht weiter unten.)

21 NOVEMBER 2002, THURSDAY, MUNICH, GERMANY.

“Germany: where everyone is afraid of everyone”

(6)

He stared at me for a moment, and then continued, “No, at the Technical University of Munich, if they’ve invested in human beings at all, they’ve invested in bureaucrats, not in teachers. Teachers come and go, bureaucrats are forever. Teachers are the scum of the earth. Teachers are not important. Teachers are an extra cost that has to be reduced. At this university, they don’t invest in teachers, in language teachers, for example. No, if they do anything at all with teachers like these, they exploit them.”

He almost snorted with disgust. “And if you’re horrified at everything I’m saying, the only reason for that is that you know, in your heart of hearts, what I’m saying is the truth.”

(To be continued)

21 NOVEMBER 2002, DONNERSTAG, MÜNCHEN, DEUTSCHLAND.

„Deutschland: Wo jeder sich vor jedem fürchtet“

(6)

Er starrte mich einen Augenblick an, dann fuhr er fort, „Nein, wenn man überhaupt in Menschen an der Technischen Universität München investiert hat, hat man in den Bürokraten investiert, nicht in den Lehrern. Lehrer kommen und gehen, Bürokraten sind ewig. Lehrer sind der Abschaum der Menschheit. Lehrer sind nicht wichtig. Lehrer sind Unkosten, die man reduzieren muss. An dieser Universität investiert man nicht in Lehrern, wie zum Beispiel in Sprachlehrern. Nein, wenn man mit Lehrern wie diesen überhaupt etwas zu tun hat, dann beutet man sie aus“.

Er schnaubte fast vor Ekel. „Und wenn du bei allem, was ich sage, entsetzt bist, ist der einzige Grund dafür, dass du weißt, in tiefstem Herzen, dass ich die Wahrheit sage“.

(Fortsetzung folgt)

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