Letter from Munich – 009

Letter from Munich – the Joseph Affair – 9

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

9 March 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

“Singing in the Munich subways is apparently a punishable offense,” Annette said to us. “At least that’s what one passenger claimed this week, after two young Americans suddenly began playing their guitars and singing – with enchanting voices – in the middle of a crowded subway car outbound from the city center.”

She had a worldly-wise – and slightly world-weary – expression on her face, as if she were about to ask, “But what else would you expect from the German bureaucracy?” Instead of that, however, she said, “I don’t normally use public transportation, but I was in town with my two little grandsons, who are still young enough to find riding the subway a great adventure. I had given my driver the afternoon off, and we were on our way out to one of the children’s favorite restaurants in Arabella Park. All at once, the subway car was filled with these lovely sounds – clear, almost bell-like, accompanied by the nearly angelic sounds of those simple stringed instruments.”

She seemed to revel in the memory for a moment. “The reaction of the other passengers I can only describe as absolutely teutonic. They froze. Not as if they were shocked, really, but as if they had received an input of data that their brains simply could not process. Then one large, elderly, calcified Bavarian recovered enough to try to take control of the situation by growling loudly over the music, ‘Aber es ist verboten!’ “

Annette’s smile was radiant. “A woman sitting in the next bank of seats shouted back – a little too loudly and with a hint of something like panic in her voice, as if she were doing something that demanded great courage – ‘For God’s sake, we live in a democracy!’ “

Again that world-weary expression. “And I thought to myself, well, that still may be true, but what kind of a democracy is it really? A young boy dies in Saxony and the parents and their lawyer collect eye-witnesses and other evidence which is never objectively evaluated, which is instead seized by the state as proof to be used in charging the parents with ‘incitement to false suspicions.’ “

For a moment her eyes followed the flight of two swans that could be seen through the large livingroom window that looked out over Starnberger See. “The parents have never been charged, of course. The government can’t risk that because then too many of the questions surrounding the child’s death would be forced into the open. But the ‘proof’ the government seized from the parents has never been returned. Instead, we are treated to events such as a brief report on German state television last week that began with the moderator obliquely rebuking the parents for carrying out their own investigation – apparently Germany is not yet quite democratic enough to allow such a thing. Then we were treated to yet another one-sided report – decorated with the trappings of objectivity – about the so-called impossibility of the boy being murdered by Neonazis. But in that report, no opposing views were offered, none of the eyewitnesses that the parents brought forward was ever interviewed, the parents’ attorney was not heard from, no professional who disputes the way the autopsy was conducted and the results evaluated ever appeared in the program, nor were the parents themselves allowed to express their views.”

Once again I didn’t know what to say. People like Annette are much more intelligent than I am. I’m just a simple, elderly American language teacher. What do I know of things like evidence, autopsies, and charges of murder by Neonazis – or about politics in a place like Saxony?

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„In der Münchner U-Bahn zu singen, das ist anscheinend eine Straftat“, sagte uns Annette. „Mindestens ist das es, was ein Fahrgast letzte Woche behauptet, nachdem zwei junge Amerikaner plötzlich angefangen hatten, in einem überfüllten U-bahnwagen, die in Richtung Münchner Vororte fährte, ihre Gitarren zu spielen und mit bezaubernden Stimmen zu singen“.

Annette hatte einen weltklugen – aber auch fast lebensüberdrüssigen – Gesichtsausdruck, als ob sie gerade fragen wollte, „Aber was sonst noch könntest du von der deutschen Bürokratie erwarten?“ Stattdessen aber, sagte sie, „Normalerweise fahre ich nicht mit den öffentlichen Verkehrsmittel, aber ich war in der Stadtmitte mit meinen zwei kleinen Enkelsöhnen, die immer noch jung genug sind, um eine Fahrt mit der U-Bahn äußerst abenteuerlich zu finden. Mein Chauffeur hatte den Nachmittag frei, und wir waren unterwegs nach Arabella Park, wo das Lieblingsrestaurant meiner Enkelkinder liegt. Auf einmal war die ganze U-Bahnwagen durch diese schönen Stimmen gefüllt – glockenklar und von einem fast himmlischen Klängen einfacher Saiteninstrumenten begleitet.

Einen Augenblick schien es, als ob sie es immer noch richtig genoss, an diese Erfahrung zu denken. „Die Reaktion der anderen Fahrgäste kann ich nur als absolut teutonisch bezeichnen. Sie froren steif. Nicht ganz genau, als ob es für sie ein Schock wäre, sondern als ob sie einen Input von Daten empfangen hätten, den ihre Gehirne einfach nicht bearbeiten konnten. Dann ein großer, harter, alter Bayer fing sich gut genug, um zu versuchen, die Kontrolle über die Situation dadurch zu übernehmen, dass er laut knurrte, „Aber es ist verboten!“

Annette lächelte uns dann strahlend an. „Eine Frau, die in der Nähe saß, erwiderte sehr laut – vielleicht ein bisschen zu laut und mit einem kleinen Anflug von Panik in ihrer Stimme – ‚Um Gottes willen, wir leben in eine DEMOKRATIE!’ “

Noch einmal diesen fast lebensüberdrüssigen Gesichtsausdruck. „Und ich dachte mir, na ja, vielleicht ist das immer noch wahr, was diese Frau sagte, aber was für eine Demokratie ist es, wirklich? Ein kleiner Junge stirbt in Sachsen und die Eltern und ihr Rechtsanwalt bringen Zeugen zusammen und sammeln Beweisstücke, die nie objektiv ausgewertet werden. Stattdessen werden diese Beweisstücke von der Polizei beschlagnahmt, damit die Polizei sie verwenden kann, um die Eltern wegen ‚Anstiftung zu falschen Verdächtigungen’ anzuklagen. Ist das die Demokratie – oder etwas anderes?“

Einen Augenblick beobachtete sie ein paar Schwäne, die wir auch über dem Starnberger See betrachten konnten, als wir zum großen Fenster des Wohnzimmers hinaussahen. „Die Eltern wurden nie angeklagt, natürlich. Die Regierung kann nicht dieses Risiko eingehen, weil dann zu viele Zweifel an den angeblichen Umständen des Todes des Kindes zwangsläufig auftauchen würden. Aber der ‚Beweis’, den die Staatsanwaltschaft im Hause der Eltern beschlagnahmte, wurde nie zurückgebracht. Stattdessen ist man mit einem über ARD gestrahlten Bericht unterhalten, der damit begann, dass die Moderatorin es den Eltern indirekt vorwarf, dass sie ihre eigene Ermittlung durchgeführt haben. Anscheinend ist Deutschland noch nicht reif oder demokratisch genug, um so etwas zu erlauben, dass Laien ein Verbrechen ermitteln. Wenn Miss Marple in Deutschland gewohnt hätte, wäre sie deswegen ausgeschimpft oder vielleicht sogar angezeigt und bestraft worden. Auf jeden Fall dann in dieser ARD-Sendung wurde der Bericht über den Fall Joseph immer einseitiger, aber mit den äußeren Zeichen von Objektivität geschmückt. Man erzählt uns, dass es völlig unmöglich sei, dass das Kind von Neonazis getötet worden sei. Aber man hat mit niemandem gesprochen, der oppositionell eingestellt war, auch hat man keinen einzigen Zeuge ausgefragt, den die Eltern gefunden haben, auch hat man nicht mit dem Rechtsanwalt der Eltern gesprochen, auch nicht mit einem einzigen Fachmann, der bestreitet, wie die Obduktion durchgeführt und die Ergebnisse analysiert wurde, auch hat man es nicht erlaubt, dass die Eltern in diese Sendungen ihre Meinungen zum Ausdruck bringen.“

Noch einmal wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Menschen wie Annette sind viel intelligenter als ich. Ich bin nur ein einfacher amerikanischer Sprachlehrer. Was weiß ich über Beweisstücke, Obduktionen, oder Neonazis, die unter Anklage wegen Mordes stehen könnten – oder über die Politik in einem Land wie Sachsen?

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

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