Letter from Munich – 010

Letter from Munich – the Joseph Affair – 10

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

16 March 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

“Reasonable people,” said Erich, “have always supported the idea that corruption, limited civil rights, turning minorities into scapegoats – all that is acceptable as long as we can live untroubled lives in a society where order rules.”

Many of us were giving him skeptical looks, but Erich seemed not to notice. “Austria’s Joerg Haider publicly makes a shockingly anti-Semitic remark about the head of Vienna’s Jewish community and weeks go by before the Austrian Chancellor finally meekly contradicts him. Chancellor Schuessel is certainly not going to offend the leading politician in the other party making up his own government coalition. The Chancellor knows – as European politicians knew sixty-five years ago – that one must accommodate oneself to such people – and to parties like Haider’s, which one of its own members recently referred to quite happily as ‘brown’ (the color used in Europe to designate right-wing extremist and Nazi parties). The Chancellor is a reasonable man.”

Everyone was silent. “And in Germany, of course, politicians like former Chancellor Helmut Kohl, together with German state prime ministers Roland Koch, Kurt Biedenkopf, and Edmund Stoiber, all members of the same political union, can be involved in any amount of corruption, and no one cares, as long as they produce explanations that are not too laughably implausible and as long as they just make sure that everything in the country or in their state is orderly. That’s all people really care about. That’s all even the Americans care about, just as long as people like Avi Primor, former Israeli ambassador to Germany, keep reassuring them that things are really all right in central Europe these days.”

“And in Sebnitz?” someone asked.

Erich laughed at the mention of the town where the boy Joseph had died, in a case where the parents had accused a group of neo-Nazis of murder. “Sebnitz?” he almost sneered. “Sebnitz? Nobody remembers Sebnitz, my friend. And the authorities in Sebnitz – the mayor and the police there – and the authorities in Dresden have managed to completely isolate the parents. And in their isolation they been turned into a couple of jabbering paranoids that nobody will ever believe. They rant on that skinheads openly give them the Nazi salute in broad daylight, that they are publicly insulted, that they still receive death threats, that their daughter is harassed in school, and that their own lawyer has accepted a fee of fifteen thousand dollars from the state chancellery, from the very government he is supposed to be protecting them from – and it’s all true – but we have managed to destroy the parents’ credibility and perhaps even their sanity so completely that no one will ever believe them.”

He smiled with satisfaction. “In Berlin today, the social democrats may control the federal government, but it is we, my friends, who control Germany.”

I left. I didn’t want him to have any further opportunity to call me one of his “friends.”

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„Vernünftige Leute“, sagte Erich, „haben immer den Gedanken befürwortet, dass Korruption, eingeschränkte Menschenrechte und der Versuch, bestimmte Menschen in Sündenböcke umzuwandeln – dass all das akzeptabel ist, solange wir angenehme Leben führen können, in einer Gesellschaft, wo die Ordnung vorherrscht“.

Viele von uns schauten ihn skeptisch an, aber es schien, dass Erich es nicht bemerkte. „Jörg Haider macht eine schockierend antisemitische Bemerkung über den Leiter der jüdischen Gesellschaft in Wien und erst nach mehreren Wochen sagt Bundeskanzler Schüssel endlich ein lahmes Widerwort gegen den starken Mann der FPÖ. Schüssel weiß – genauso wie die europäischen Politiker von vor fünfundsechzig Jahren es wussten – dass man sich solchen Leuten gefällig erweisen müssen. Man muss sich auch Parteien wie der FPÖ gefällig erweisen, obwohl selbst Mitglieder dieser Partei sie als braun gern bezeichnet. Bundeskanzler Schüssel ist ein vernünftiger Mann“.

Alle schwiegen. „Und natürlich in Deutschland können Politiker wie Helmut Kohl, Roland Koch, Kurt Biedenkopf und Edmund Stoiber in alle Art Korruption verwickelt werden, und es ist allen egal, solange diese Herren Erklärungen vorlegen können, die nicht zu lächerlich unglaubwürdig sind und solange sie zusehen, dass alles im Land ordentlich ist. Das ist das Einzige, das für die meisten Leute wichtig ist. Sogar in Amerika ist das das Einzige, das für die Bevölkerung wichtig ist, solange Leute wie Avi Primor, der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, sie dauernd aufs Neue versichern, dass alles heutzutage in Mitteleuropa wie geschmiert geht“.

„Und in Sebnitz?“ fragte irgendjemand.

Erich lachte, als er den Namen des Dorfes hörte, wo das Kind Joseph starb, und wo die Eltern immer noch Neonazis beschuldigen, ihn ermordet zu haben. „Sebnitz?“ fragte er fast höhnisch. „Sebnitz? Niemand denkt jetzt an Sebnitz, mein Freund. Und den Behörden in Sebnitz – dem Oberbürgermeister und der Polizei – gelang es, die Eltern von allem und allen zu trennen. Sie sind ganz allein, und in der einsamen Lage, in der sie leben, sind sie zu ein paar plappernden Paranoikern geworden, denen niemand jemals glauben wird. Die Eltern wettern darüber, dass einige Skinheads sie mit dem Deutschen Gruß am hellen Tag begrüßen, dass in aller Öffentlichkeit Beleidigungen ihnen an die Köpfe geworfen werden, dass sie immer noch Morddrohungen bekommen, dass ihre Tochter in der Schule schickaniert wird, und dass ihr eigener Rechtsanwalt ein Honorar in Höhe von DM 30.000,- von der sächsischen Staatskanzlei entgegengenommen hat, d.h. von der Kanzlei, vor der er sie schützen sollen – und ich gebe zu, dass all das die reine Wahrheit ist – aber es ist uns gelungen, die Glaubwürdigkeit der Eltern so gründlich zunichte zu machen und vielleicht auch ihren Verstand so völlig zu zerstören, dass niemand ihnen jemals glauben wird“.

Er lächelte vor Genugtuung. „In Berlin heute, hat die SPD vielleicht die Bundesregierung fest im Griff. Das aber, was wir fest im Griff haben, meine liebe Freunde, ist Deutschland.“

Ich ging weg. Ich wollte nicht, dass er noch eine Gelegenheit haben würde, mich als „Freund“ zu bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

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