Letter from Munich – 015

Letter from Munich – the Joseph Affair – 15

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

20 April 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

Alexandra in a suit that Chanel might have designed: simple, elegant, and Alexandra speaking to us the same uncomplicated and cultivated manner: “I would like to read to you one more short passage from an article that I mentioned once before, from ‘Die Zeit’ one of Germany’s most prestigious journals.”

“Another explosive commentary on the Joseph Affair, I suppose,” said Gunther, doing his best to yawn convincingly.

“Indirectly, yes,” Alexandra replied, “but it has something more directly to do with the current state of journalism in Germany. ‘Helmut Kohl’s slush fund system, and the way it was analyzed by the media,’ wrote Bruno Schirra recently, ‘is a shining example of the media’s penchant for self-deception. Every day, throughout the length and breadth of the land, after the latest storm of headlines, you could hear journalists being celebrated for the outstanding role they had played in uncovering the affair. What was lost in the tumult, though, was the fact that it wasn’t at all the laborious and painstaking efforts of the journalists that exposed the so-called Kohl System. It was stolid government officialdom, . . . tax investigators and district attorneys, whose files practically fell into the laps of our surprised national hacks’.“

Gunther was trying to remove a small piece of lint from his Brooks Brothers necktie as he commented, “And so you, no doubt, think that if German journalists deceived themselves about Kohl and his slush fund, and their role in exposing the whole affair, they’re deceiving themselves in a slightly different way now, where the death – or murder, as you insist on calling it – of the boy Joseph is concerned.”

You had to know Alexandra well, in order to hear the contempt underlying the tone of voice in which she spoke. “No,” she said, “I won’t say ‘are deceiving,’ because as far as their concerned it’s all in the past. But yes, I admit it. I believe the journalists in this country deceived themselves mightily when they investigated the Joseph affair.”

Gunther had given up on the necktie. He folded his arms and stared at Alexandra. “For God’s sake, woman, why? Bribery? Oh no, you think they’re all just a pack of lazy bastards, don’t you?”

Alexandra seemed to take some comfort in the fact that he was so irritated. “Not necessarily laziness,” she replied quietly, “and not bribery either. Let me read you something else Schirra wrote: ‘German journalists don’t have to be bribed; they’re proud of just being invited along for the ride; they’re content with being treated as if they had power and influence’. Talk about freedom of the press”, she laughed. “Under the circumstances, no German journalist in his right mind is going to try to find out what really happened to Joseph. They’re quite happy with whatever the district attorney and the various government ‘experts’ feed them.”

“Alexandra, why don’t you just stop? Or, as the Americans say, give it a rest.”

“Never.” Another smile, rather grim this time, as she referred by name to Saxony’s prime minister, who she apparently thinks has tried to have the embarrassing affair covered up and forgotten: “No one will ever forget what Biedenkopf has done.”

Sometimes I think Alexandra is just a little paranoid. But what do I know?

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 20. April 2001

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

Alexandra in einem Kostüm, das Chanel vielleicht hätte entwerfen können: schlicht, elegant, und sie sprach mit uns auf dieselbe einfache und kultivierte Art und Weise: „Ich möchte Ihnen eine kurze Passage aus einem Artikel vorlesen, den ich schon einmal erwähnt habe, aus der Zeitschrift ‚Die Zeit’.“

„Noch eine brisante Erläuterung zur Affäre Joseph, nehme ich an“, sagte Gunther, als er sein Möglichstes tat, ein überzeugendes Gähnen zu schaffen.

„Indirekt, ja“, erwiderte Alexandra, „aber es handelt sich eigentlich um den jetzigen Zustand des Journalismus in Deutschland. ‚Denn Helmut Kohls schwarzes Kontensystem’, schrieb Schirra, ‚und dessen Aufarbeitung in den Medien ist nichts anderes als ein Paradebeispiel medialen Selbstbetrugs. Kaum war das tägliche Schlagzeilengewitter vorbei, wurde landauf, landab gejubelt, welche herausragende Rolle die Journalisten bei der Aufdeckung der Affäre gespielt hätten. Was dabei unterging: Es waren gar keine Journalisten, die in mühevoller Kleinarbeit das System des Helmut Kohl enthüllten. Es waren biedere Beamte, . . . Steuerfahnder und Staatsanwälte, deren Akten der überraschten Journaille quasi in den Schoß fielen’.“

Gunther bemühte sich, eine Fussel von seiner Brooks-Brothers-Kravatte zu entfernen, als er bemerkte, „Da du denkst, dass die deutsche Journalisten sich getäuscht haben, wo es um Kohl und sein schwarzes Kontensystem und um ihre Rolle in der Enthüllung der ganzen Affäre geht, dann muss du jetzt glauben, diese Journalisten täuschen sich auf eine etwas andere Art und Weise, wo es um den Tod des Kindes Joseph geht, oder, wie Sie darauf bestehen, ihn zu nennen: seinen Mord.“ Er lächelte. „Habe ich Recht?“

Ich glaube, man muss Alexandra ziemlich gut kennen, um die Geringschätzung in ihrem Tonfall zu erkennen, als sie antwortete, „Nein, ich sage nicht, ‚sie sind dabei, sich zu täuschen’, weil, was die Journalisten betrifft, all das in ferner Vergangenheit geschehen ist. Es ist für sie nicht mehr relevant. Aber ja, ich gebe es zu. Ich glaube, die Journalisten in diesem Land haben sich in sehr hohem Maße getäuscht, als sie die Affäre Joseph untersuchten“.

Inzwischen hatte Gunther aufgehört, an seiner Kravatte zu arbeiten. Jetzt verschränkte er die Arme und starrte Alexandra an. „Um Gottes willen, Alte, warum? Bestechung? Ach nein, du glaubst, alle Journalisten sind einfach eine Bande fauler Bastarde, oder?“

Ich hatte fast den Eindruck, dass es Alexandra mit einer Art Befriedigung erfüllte, dass er so verärgert wirkte. „Es muss nicht unbedingt Faulheit sein“, erwiderte sie leise, „und auch nicht eine Bestechung. Ich will noch etwas vorlesen, das Schirra schrieb: ,Der deutsche Journalist braucht nicht bestochen zu werden, er ist stolz, eingeladen zu sein, er ist schon zufrieden, wie eine Macht behandelt zu werden’. Da erzähl mir noch einer was von Pressefreiheit in Deutschland“, sagte sie mit einem zarten Lächeln. „Unter diesen Umständen, wird kein deutscher Journalist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sich bemühen, sich darüber zu informieren, was mit Joseph wirklich geschehen ist. Sie alle sind mit den Märchen ganz zufrieden, mit denen der Staatsanwalt und die verschiedenen ‚Gutachter’ sie füttern“.

„Alexandra, bitte, hör jetzt mal auf damit – oder, wie die Amerikaner sagen – lass es ausruhen“.

„Niemals“. Noch ein Lächeln, aber diesmal ein irgendwie grimmiges Lächeln. „Niemand wird das je vergessen, was Biedenkopf getan hat. Dafür werde ich sorgen“.

Manchmal fällt es mir ein, dass Alexandra vielleicht ein bisschen paranoid sein könnte. Aber was weiß ich eigentlich?

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

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