Letter from Munich – 014

Letter from Munich – the Joseph Affair – 14

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

13 April 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

“Selective morality?” said Horst-Eberhard. “Such a thing doesn’t exist. No country, no society, no newspaper, no individual can decry injustice in one area and remain indifferent to it in another. In the end, a choice has to be made. Either you are critical of every injustice or you become indifferent to every injustice – and suffer the consequences.”

“Oh, not in Europe, not in Germany,” said Waltraud. “We can do what we want.”

If Old Testament prophets still existed, I suppose they would smile as Horst-Eberhard smiled: solemnly, as if observing human affairs from a great distance or a great height, with a certain compassion for the folly of human beings. But if ancient prophets used to sometimes thunder with outrage and indignation as well, Horst-Eberhard responded calmly, with a kind of immeasurably profound gravity, “Certain elements of the German press and the German public are incensed at the way Helmut Kohl’s party has gotten away with murder: nearly no one has been called to account for the millions in campaign contributions that were used to influence German elections, keep Kohl and his henchman in power, and pervert the course of German and European history for sixteen years. The same individuals and organizations are also affronted by the unwillingness of any German district attorney to investigate the destruction of an estimated 1.3 million pages of government documents in the Chancellor’s office in Bonn, the night before Kohl left office. The documents would have been used to investigate charges of corruption and bribery during the Kohl administration.”

Now it was Waltraud who smiled, and with what looked very much like a certain satisfaction.

“For years,” Horst-Eberhard went on, “Kohl’s party and its allies functioned as a kind of shadow government in Germany, a gray eminence, the real power behind what appeared to be a legitimately functioning democracy. And the party still functions that way in states like Saxony and Hesse, where everyone pretends things are running normally, and always have. In Saxony, the authorities are made to understand that they must reach a conclusion that the boy Joseph was not murdered by neo-Nazis, but instead died of an accident. In Hesse, the house of two highly regarded African-American jazz musicians is broken into and ransacked, and Nazi and racist graffiti are sprayed on the walls. The neighbors of course hear nothing, and on April 11 Germany’s ‘3 Sat’ television channel reports in its ‘Kulturzeit’ program that the police have determined the crime may not have been committed by right-wing extremists at all. Indeed, the police hint darkly, they think the crime may have been carried out by one of the victims himself. In Germany, whenever possible, you blame the victim of a racist attack, unless he or she is a member or representative of one of the ruling elites. And in Germany, if rape were to be part of a racist attack, you would of course blame the woman, or at least ‘hint darkly’ that it was really her own fault after all.”

Horst-Eberhard sighed, as if the accumulated weight of centuries were bearing down on him. “The problem is that in Germany, investigative journalism is synonymous with ‘muckraking.’ And as Bruno Schirra, writing recently in ‘Die Zeit’ pointed out, in this country muckraking is considered somehow ‘disreputable, offensive, and indecent.’ Or as a respected German newspaper editor, Hans Leyendecker, quoted in the same article, expressed it, ‘for a considerable number of German reporters, investigative journalism and research means finding a telephone number without having to ask your secretary for it.’ “

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 13. April 2001

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„Selektive Moralität?“ sagte Horst-Eberhard. „So etwas existiert nicht. Kein Land, keine Gesellschaft, keine Zeitung, kein Mensch kann eine große Ungerechtigkeit in einem Bereich als unsittlich verwerfen aber dann, wenn eine solche Ungerechtigkeit in einem anderen Bereich gefunden wird, gleichgültig bleiben. Schließlich müssen Sie eine Wahl treffen. Entweder Sie kritisieren jede große Ungerechtigkeit oder Sie werden letztendlich jeder solchen Ungerechtigkeit gegenüber gleichgültig – und dann werden Sie die Folgen tragen müssen.“

„Nein, das gilt weder für Europa noch für Deutschland“, sagte Waltraud. „Wir können alles tun, was wir wollen“.

Wenn Propheten aus dem Alten Testament immer noch existierten, glaube ich, dass sie lächeln würden, genauso wie Horst-Eberhard lächelte, mit irgendeiner Gravität, als ob er alle menschlichen Angelegenheiten von einem großen Abstand oder sehr hohen Aussichtspunkt aus beobachtete, voller Mitleid mit der Torheit der Menschen. Aber wenn die Propheten der Antike pflegten manchmal auch mit Empörung und Entrüstung andonnern, erwiderte Horst-Eberhard gelassen, mit einer Art unermesslich tiefsinniger Ernsthaftigkeit, „Gewisse Elemente der deutschen Medien und der deutschen Öffentlichkeit sind darüber erzürnt, dass die CDU sich alles erlaubt hat: Fast niemand ist zur Rechschaft über die Spenden in Höhe von Millionen von D-Mark gezogen worden, Spenden, die verwendet wurden, um Wahlergebnisse zu beeinflussen, um Kohl und seine Handlanger an der Macht zu halten und um den Lauf der deutschen und europäischen Geschichte zu pervertieren, sechzehn Jahre lang. Diese Elemente der Medien und der Öffentlichkeit sind auch über die Tatsache schockiert, dass kein Staatsanwalt es untersuchen will, dass etwa 1,3 Millionen Seiten von computerisierten Regierungsakten des Bundeskanzleramts vernichtet worden sind, in der Nacht, bevor Kohl sein Amt niedergelegt hat. Man hätte diese Akten verwenden können, um die Korruption und die Bestechungsfälle zu untersuchen, die der Meinung vieler Menschen nach während Kohls Amtszeit sehr verbreitet waren.“

Jetzt war es Waltraud, die lächelte, und angeblich mit einer gewissen Zufriedenheit.

„Jahre lang“, fuhr Horst-Eberhard fort, „fungierten die CDU/CSU als eine Art Schattenregierung in Deutschland, als eine graue Eminenz, als die echte Macht hinter dem, was eine legitim funktionierende Demokratie zu sein schien. Und immer noch fungiert die CDU so in Ländern wie Sachsen und Hessen, wo alle tun, als ob alles seit eh und je normal läuft. In Sachsen zum Beispiel lässt man die Behörden verstehen, dass sie zu dem Schluss kommen müssen, dass ein Kind nicht von neo-Nazis ermordet worden ist, sondern dass er bei einem Unfall starb. In Hessen treten Einbrecher in ein Haus zweier geschätzten afroamerikanischen Jazzmusiker ein und plündern es; auf die Wände werden nazistische und rassistische Graffiti gesprüht. Die Nachbarn hören natürlich nichts, und am 11. April berichtet man über 3 Sat, in der Sendung ‚Kulturzeit’, dass die Polizei festgestellt habe, dass das Verbrechen möglicherweise nicht von Rechtsradikalen begangen wurde. Ja, die Polizei deutet es sogar finster an, dass vielleicht eins der Opfer selbst das Verbrechen begangen habe. In Deutschland, wenn es möglich ist, gibt man dem Opfer eines rassistischen Angriffs die Schuld, außer es Mitglied einer der herrschenden Eliten ist. Es ist, als ob, wenn eine Vergewaltigung ein Element eines rassistischen Angriffs wäre, man der Frau die Schuld an der Vergewaltigung geben würde, oder als ob man ‚finster andeuten’ würde, dass die Frau selbst die Vergewaltigung ausgelöst haben muss“.

Horst-Eberhard seufzte, fast als ob die Last der Jahrhunderte ihm schwer auf der Seele liegte. „Das Problem ist, dass in Deutschland der Enthüllungsjournalismus mit ‚Muckraking’ gleichbedeutend ist. Und wie Bruno Schira es in einem Artikel in der Zeitschrift ‚Die Zeit’ hingewiesen hat, in diesem Land gilt ‚Muckraking’ immer noch als ‚anrüchig’. Oder wie Hans Leyendecker, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, sich zu diesem Thema äußerte: einige Journalisten scheinen zu glauben, ‚Recherche’ bedeutet, ‚dass man ohne Hilfe der Sekretärin eine Telefonnumer findet’ “.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

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