Letter from Munich – 019

Letter from Munich – the Joseph Affair – 19

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

18 May 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

This week’s letter is rather long, so I’ve divided it into two parts. I’ll send the second part next week.

I took one look at Heinrich and knew there would be no stopping him. He seemed to be about to burst with self-confidence. “Now you know,” he said, very loudly, “how really masterful politicians behave – if you saw Biedenkopf’s nationally televised interview this week.” Kurt Biedenkopf is the prime minister of the German state of Saxony”. Many people – though I am certainly not one of them – feel he is ultimately responsible for an attempt to cover up the murder of the boy Joseph in Sebnitz.

Sabine lowered her eyes for a moment, and then looked up again, staring directly at Heinrich. He seemed not to notice her. “Biedenkopf was on the attack from the start,” he went on. “Did you see how he ridiculed those puny journalists who had the cheek to question him?” He smiled warmly. “I loved it when he asked one of them indignantly, ‘Who gave you the right to ask such a question?’ Because that’s what these journalists need to learn: respect. Respect for the German – and the whole European – political class. And Biedenkopf is just the man to teach them. The sarcasm, the scorn, the anger, the aggressive attitude he showed – all that put those reporters in their place. None of that insolent journalistic behavior you find in America, where reporters don’t know how to speak to their betters.”

Sabine’s voice, when she next spoke, was like a clear, silver bell ringing out into the room. “What I saw in that interview,” she said, “was a tired, frightened old man, fighting for his political life. And for his reputation. Biedenkopf’s dangerous yet, but time is not on his side.” She sighed, and all her intelligence, all her quiet brilliance seemed concentrated in her words, as she held the gaze of each of us in turn and said, “I look at men like Biedenkopf and I think to myself, how have we sunk so low that we deserve such politicians? And I think of men like Andre Sakharov and wonder why there seem to be no more people like that in today’s world.”

She picked up a piece of paper from the polished surface of the table in front of her. The emerald ring she was wearing caught and refracted the light from the logs burning in the fireplace. It was a chilly evening there, in the large room in the house near the base of the Alps. “I ran across something that Sakharov wrote. His Nobel Prize acceptance speech. Listen. ‘Other civilizations, perhaps more successful ones, may exist an infinite number of times on the preceding and following pages of the Book of the Universe. Yet we should not minimize our sacred endeavors in the world, where, like faint glimmers in the dark, we have emerged for a moment from the nothingness of unconsciousness into material existence. We must make good the demands of reason and create a life worthy of ourselves and of the goals we only dimly perceive.’”

“God, is that bullshit,” said Heinrich.

The second half of this letter I’ll send next week.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 18. Mai 2001

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

Der Brief von dieser Woche ist ziemlich lang, deshalb habe ich ihn in zwei Teile geteilt. Ich schicke Euch nächste Woche den zweiten Teil zu.

Ich habe Heinrich angeschaut und wusste sofort, er würde sich nicht aufhalten lassen. Es schien, als ob er vor einem übertriebenen Gefühl für Selbstvertrauen fast platzen würde. „Jetzt wisst Ihr alle“, sagte er sehr laut, „wie echt meisterhafte Politiker sich benehmen – wenn Ihr Biedenkopf letzte Woche in seinem bundesweit gesendeten Fernsehinterview gesehen habt“. Viele Leute – aber ich bin sicher nicht einer von ihnen – glauben, dass Biedenkopf die endgültige Verantwortung dafür hat, dass man versuchte, den Mord von dem Kind Joseph in Sebnitz zu vertuschen.

Sabine senkte eine Sekunde den Blick, dann hebte ihn noch einmal, und starrte Heinrich an. Er schien sie nicht zu bemerken. „In diesem Interview ging Biedenkopf sofort zum Angriff über“, setzte er fort. „Habt Ihr es gesehen, wie er diese kleinen, schwachen Journalisten verspottete, die die Frechheit besitzten, ihn auszufragen?“ Er lächelte herzlich. „Ich liebte es, als Biedenkopf einen Journalist empört fragte, ‚Und mit welchem Recht stellen Sie mir eine solche Frage?’ Weil das ist es, was diese Journalisten zu lernen brauchen: Respekt. Respekt vor der ganzen deutschen – und europäischen – politischen Klasse. Und Biedenkopf ist genau der Mensch, der das ihnen beibringen kann. Der Sarkasmus, die Verachtung, der Zorn, die aggressive Haltung, die er zeigte – durch all das konnte Biedenkopf diese Reporter äußerst gut in ihre Schranke verweisen. Wir wollen überhaupt nicht dieses insolente journalistische Verhalten, das man in Amerika findet, wo die Reporter wissen nicht, wie man mit den Leuten, die einem überlegen sind, sprechen soll.“

Als Sabine das nächste Mal sprach, war ihre Stimme wie ein klares, silbernes Glöckchen, die ihre Wörter in den Raum ausläutete. „Was ich in diesem Interview sah“, sagte sie, „war ein müder, verängstigter alter Man, der um sein politisches Leben kämpfte. Und um seinen Ruf. Biedenkopf ist immer noch gefährlich, aber die Zeit arbeitet nicht für ihn“. Sie seufzte, und ihre ganze Intelligenz, ihre ganze, stille Genialität schienen ihren Mittelpunkt in Sabines Wörtern zu haben, als sie sagte, „Ich sehe Menschen wie Biedenkopf und ich denke mir, wie ist es möglich, dass wir so tief gesunken sind, dass wir solche Politiker verdient haben? Und dann denke ich an Leute wie Andre Sakharov und ich frage mich, warum es Menschen wie ihn nicht mehr auf der Welt gibt“:

Sie nahm ein Blatt Papier von der auf Hochglanz polierten Oberfläche des Tisches, der vor ihr stand. Der Smaragdring, den sie trug, spiegelte das Licht wieder, das aus dem Holzscheit strahlte, das im Kamin brennte. Der Abend war kühl, in diesem großen Raum im Haus am Alpenrand. „Ich habe neulich zufällig einige Zeile gefunden, die Sakharov einmal schrieb. Sie stammen aus der Rede, die er hielt, als er den Nobelpreis entgegengenommen hat. Hört zu, meine Freunde: ‚Andere, vielleicht erfolgreichere Zivilisationen mögen unzählige Male auf den vorangehenden und folgenden Seiten des Buches des Universums existieren. Wir sollten aber nicht unsere heilige Anstrengungen auf dieser Welt herunterspielen, wo wir, wie schwache Lichtscheine in der Dunkelheit, einen Augenblick lang aus dem Nichts des Unbewusstseins in die materielle Existenz getreten sind. Wir müssen den Forderungen der Vernunft entsprechen und ein Leben schaffen, das unserer und der Ziele, die wir erst undeutlich wahrnehmen, würdig ist’“.

„Lieber Gott, ist das große Scheiße“, sagte Heinrich.

Nächste Woche werde ich Euch den zweiten Teil dieses Briefes zuschicken.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

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