Letter from Munich – 023

Letter from Munich – the Joseph Affair – 23

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

15 June 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

“With George Bush in Europe this week,” said Carlotta, “I’m reminded of three themes that are only superficially unrelated – corruption, district attorneys, and the death of the boy Joseph in Sebnitz.”

She took a sip of tea from a delicate Wedgwood cup, and we waited for her to continue. “I’m reminded how similar the behavior of government is, whether in Europe or in the United States.” She picked up a copy of The New York Times lying on the highly polished parquet next to her chair. “’The administration,’ The Times wrote last Saturday, ’proceeds on the belief that no one would possibly question its wisdom and that anything can be sold with the proper marketing strategy and enough repetition of an unvarying script.’ Sound familiar? But listen to this: ‘In the old days . . . the press respected the confidence of officials because it respected their superior knowledge and good faith. But . . . respect for their good faith had died with their false promises and lies.’ All of that was written about America, but it might just as well have been written about Europe, about Germany, especially about Germany’s Christian Democrats, the esteemed party of Helmut Kohl and Kurt Biedenkopf.”

Before anyone could object, she went on, “There is perhaps one difference, though, between the New World and the Old. America is slightly less corrupt. You might have one or two district attorneys in the United States who try to bring off the sort of massive miscarriages of justice that are becoming routine in Germany, but in America you wouldn’t have whole clusters of them everywhere.”

Again there were objections, but Carlotta silenced them with an imperious wave of her hand. We were, after all, on her estate, with its spectacular view of the Italian Alps. (One cynical acquaintance once remarked during a visit, “I’ll bet Berlusconi could turn this place into a terrific Obersalzberg.” I had to ask her what Obersalzberg was, and even how to spell it correctly. And I still don’t understand the connection between Berlusconi and Obersalzberg. My friends are sometimes too subtle for me.)

Anyway, Carlotta went on, “In Germany, if your rich enough or powerful enough, you can get any district attorney anywhere in the country to find some excuse for suspending their investigation of you, or doing whatever else you want.”

“The recent bank scandal in Berlin wasn’t suspended,” someone pointed out.

“That’s true,” Carlotta responded, turning her head and smiling in a way that has always reminded me somehow of Marlene Dietrich. “But it was never thoroughly investigated, and the few bank officials who were fined were reimbursed by the bank itself. And the only thing that happened to the chief culprit, Klaus Landowsky, was that he resigned his post with the Christian Democrats.” She laughed and repeated, “Christian Democrats – what a name. That party would make me ashamed to be a Christian, if I were one, and it certainly makes me ashamed to be a democrat.”

“All right,” one young man asked, “so the Berlin district attorney is in the CDU’s pocket. But nowhere else in Germany do such things happen.”

I thought for a moment that Carlotta would lose her patrician composure. But more about that next week. This letter is already long enough.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 15. Juni 2001

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„Als George Bush diese Woche nach Europa kam“, sagte Carlotta, „habe ich mich an drei Themen erinnert, die nur scheinen, vielleicht, nichts miteinander zu tun zu haben: Korruption, Staatsanwälte und der Tod von dem Kind Joseph in Sebnitz“.

Sie nahm ein Schlückchen Tee aus einer feinen Wedgewood-Tasse, und wir warteten, bis sie fortfuhr. „Ich erinnere mich daran, wie ähnlich das Verhalten von verschiedenen Regierungen sein kann, ob in Europa oder in den Vereinigten Staaten“. Sie nahm in die Hand ein Exemplar der New York Times, das auf dem auf Hochglanz polierte Parkettfußboden neben ihrem Sessel lag. „‚Die jetzige U.S.-Regierung’, stand es in der Times vom letzten Samstag, ‚handelt, als ob sie glaubte, dass es unmöglich wäre, dass irgendjemand an ihrer Weisheit zweifeln würde. Sie handelt, als ob man durch die richtige Marktstrategie und genügende Wiederholung eines unveränderlichen Skriptes alle Ideen verkaufen könnte.’ Habt ihr irgendwo so etwas schon einmal gehört? Aber das ist nicht alles: ‚In früheren Zeiten . . . konnten die Behörden die Presse ins Vertrauen ziehen, weil die Presse Respekt vor deren Vertrauenswürdigkeit und größeren Kenntnisse hatte. Aber . . . nach all den falschen Versprechungen und Lügen seitens der Behörden ist Respekt vor ihrer Vertrauenwürdigkeit gestorben’. Man hat das über Amerika geschrieben, aber man hätte es genauso gut über Europa schreiben können, über Deutschland, besonders über die CDU, diese wunderbare, hoch geschätzte Partei von Helmut Kohl und Kurt Biedenkopf“.

Bevor man Einwände erheben konnte, fuhr sie fort, „Es gibt aber in gewisser Hinsicht vielleicht einen Unterschied zwischen der Neuen Welt und der Alten. Amerika ist ein bisschen weniger korrupt. Vielleicht in Amerika könnte man einen oder zwei Staatsanwälte finden, die versuchen, die Art von großen Justizirrtümern zustande zu bringen, die in Deutschland routinemäßig werden, aber in Amerika würde man nicht überall große Haufen von solchen Verbrechen finden“.

Noch einmal wollten einige Gäste Einwände erheben, aber Carlotta winkte sie herrisch ab. Wir waren schließlich in ihrem Landhaus; es war schließlich ihr Landgut, mit seiner spektakulären Aussicht auf die italienischen Alpen. (Eine Bekannte, die sehr zynisch ist, hat einmal bei einem Besuch bemerkt, „Wetten, dass Berlusconi diesen Ort in einen fantastischen Obersalzberg umwandeln könnte?“ Ich musste sie fragen, was der Obersalzberg sei, und sogar wie man diesen Namen richtig schreibt. Und ich verstehe immer noch nicht die Verbindung zwischen Berlusconi und Obersalzberg. Na ja, meine Bekannte sind manchmal zu feinsinnig für mich.)

Auf jeden Fall fuhr Carlotta fort, „In Deutschland, wenn du reich und mächtig genug bist, kannst du fast jeden beliebigen Staatsanwalt wo immer in diesem Land zwingen, einen willkommenen Anlass zu finden, um seine Ermittlung gegen dich einzustellen oder welche Maßnahmen auch immer zu ergreifen, die du wünschen magst“.

„Wo es um den LBB-Skandal in Berlin geht, wurde die Ermittlung nicht eingestellt“, sagte ein Gast.

„Das ist wahr“, erwiderte Carlotta, und sie wandte dem Sprechenden zu und lächelte auf eine Art und Weise, die mich irgendwie, aus irgendeinem Grund, an Marlene Dietrich erinnerte. „Aber dieser Skandal wurde nie gründlich ermittelt, und die paar Bankfunktionäre, die ein Bußgeld bezahlen mussten, wurden dafür durch die Bank entschädigt. Und das einzige, was dem Haupttäter, Klaus Landowsky, passierte, war, dass er seine CDU-Stellung kündigen musste“. Sie lachte und sagte, „Die Christlich-Demokratische Union – was für ein prächtiger Name. Aber diese Partei würde mich dazu bringen, mich zu schämen, Christin zu sein, wenn ich Christin wäre. Bestimmt bringt sie mich dazu, mich zu schämen, Demokratin zu sein“.

„Na gut“, sagte ein junger Mann, „also hat die CDU den Berliner Staatsanwalt in der Tasche. Na und? Das ist in Deutschland nur ein Einzelfall.“

Einen Augenblick lang dachte ich, dass Carlotta die patrizierartige Fassung verlieren würde. Aber ich werde nächste Woche diese Geschichte weitererzählen. Für heute habe ich genug geschrieben.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

Log in