Letter from Munich – 024

Letter from Munich – the Joseph Affair – 24

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

22 June 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

A continuation of the letter from last week:

“All right,” one young man asked, “so the bank scandal in Berlin has been papered over by the Berling district attorney, and the few bank officials who were fined were reimbursed by the bank itself. And the only thing that happened to the chief culprit, Klaus Landowsky, was that he resigned his post with the Christian Democrats. So the Berlin district attorney is in the CDU’s pocket. But nowhere else in Germany do such things happen.”

I thought for a moment that Carlotta would lose her patrician composure. “Nowhere ELSE? The Bonn disrict attorney allows Helmut Kohl to get away with the greatest consitutional crimes since the end of the Third Reich. Then – even in the face of tremendous public outrage – the Bonn district attorney suspends its investigation of the destruction of thousands of government documents. The destruction was carried out by Kohl’s office on the eve of the transfer of power after the last election. It involved papers dealing with the Leuna affair, part of the incredible Elf-Aquitaine scandal that the French government is at least starting to look into. But – ah, my friends – do you really think such activities in the great Federal Republic of Germany are confined to Bonn and Berlin?”

“This is outrageous. I won’t listen to it. It’s an insult to me and everything I believe in,” said one of the older male guests, with Prussian uprightness, as he strode from the room.

“I never expect my guests to agree with me,” said Carlotta quietly. “But the fact of the matter is that the list of questionable activities on the part of the district attorneys here goes on. The district attorney in Augsburg ‘loses’ a computer hard disk with information relating to its investigation of Max Strauss, scion of Bavaria’s most powerful political dynasty, and again the investigation dies a slow death. And in Munich,” she added with a laugh, “in Munich, no investigation by the district attorney or even the opposition political party into the LWS scandal and Bavarian Prime Minister Edmund Stoiber even gets off the ground.”

At this point, I too was shocked. How could Carlotta even think of criticizing Edmund Stoiber, the greatest Prime Minister Bavaria has ever seen, and the man likely to be Germany’s next Chancellor? But I said nothing.

“District attorneys in Germany,” said Carlotta, “aren’t exactly bought and paid for, but they know what’s expected of them. Look at Sebnitz, where the boy Joseph was murdered. Look how that investigation has been handled. The district attorney responsible knew what the Prime Minister of Saxony, Kurt Biedenkopf, wanted, and he gave it to him. Now the victims – the dead child’s parents – and not the perpetrators of the crime, are the object of the government’s prosecutorial fervor.”

We heard the Prussian gentleman’s car starting in the courtyard outside, and then the crunching sound of tires on gravel as his chauffeur turned the car around and started down the tree-lined mountain road from Carlotta’s home.

“And that,” Carlotta added with finality, “that is the country that is going to lead us all into the bright, new future of European union? It’s surely only a coincidence that it happened at this particular time, but it’s hardly a surprise that the Irish voted the way they did in their referendum on the treaty of Nice.”

Could be. I don’t know. I really know so little about politics.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 22. Juni 2001

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

Die Fortsetzung des Briefes vom 15. Juni 2001:

„Na gut“, sagte ein junger Mann, „aber dieser jetzige Skandal wurde vom Berliner Staatsanwalt übertüncht, und die paar Bankfunktionäre, die ein Bußgeld bezahlen mussten, wurden dafür durch die Bank entschädigt. Und das einzige, was dem Haupttäter, Klaus Landowsky, passierte, war, dass er seine CDU-Stellung kündigen musste. Also hat die CDU den Berliner Staatsanwalt in der Tasche. Na und? Das ist in Deutschland nur ein Einzelfall.“

Einen Augenblick lang dachte ich, dass Carlotta die patrizierartige Fassung verlieren würde. „Ein Einzelfall? Der Bonner Staatsanwalt erlaubt es, dass Helmut Kohl mit den größten verfassungsfeindlichen Verbrechen seit dem Ende des Dritten Reiches fast ungestraft davonkommt. Dann – trotz ungeheurer Empörung seitens der Öffentlichkeit – stellt der Bonner Staatsanwalt seine Ermittlungen gegen den ‚Unbekannten’ ein, der für die Vernichtung Millionen von Aktenseiten in Kohls Bundeskanzleramt verantwortlich war. Diese Aktenseiten wurden nach der letzten Bundestagswahl, am Tag vor der Verlegung der Macht an die Schröder-Regierung, vernichtet. Ihr wisst alle, dass diese Seiten sich um die Leuna-Raffinerie-Affäre, ein Teil des unglaublichen Elf-Aquitaine-Skandals, handelten, des Skandals, den die französische Regierung endlich untersucht. Aber meine liebe Freunde, glaubt ihr, dass solche Aktivitäten in der mächtigen Bundesrepublik Deutschland auf Bonn und Berlin beschränkt werden?“

„Dies ist eine Unverschämtheit!“ sagte einer der älteren Gäste. „Ich will nicht einer solchen Sache zuhören. Es ist mir – und allem, woran ich glaube – eine Beleidigung“. Dann mit preußischer Rechtschaffenheit stand er auf und ging von uns weg.

„Ich erwarte es nie“, sagte Carlotta leise, „dass meine Gäste derselben Meinung sind, wie ich. Die Tatsache aber ist, dass die Liste der fragwürdigen Aktivitäten seitens der deutschen Staatsanwälte sehr, sehr läng ist. Der Staatsanwalt in Augsburg‚ zum Beispiel, ‚verliert’ eine Festplatte mit Auskünften, die mit der Ermittlung gegen Max Strauss zu tun hat. Und dann gerät die Ermittlung, wie üblich in solchen Fällen in Deutschland, in Vergessenheit. Und in München“, fügte sie mit einem Lachen hinzu, „in München, keine Ermittlung der Staatsanwaltschaft oder der Opposition gegen Stoiber wegen des LWS-Skandals kann sogar beginnen, konkrete Gestalt anzunehmen“.

Jetzt war ich auch schockiert. Wie konnte Carlotta mit dem Gedanken spielen, Edmund Stoiber zu kritisieren, den größten Ministerpräsidenten, den die Bayern je gehabt haben, den Mann, der nächstes Jahr höchstwahrscheinlich zum Bundeskanzler gewählt werden wird? Ich war so schockiert, dass ich nichts sagte.

„Deutsche Staatsanwälte sind nicht ganz genau bestechlich“, sagte Carlotta, „aber sie wissen das, was man von ihnen erwartet. Nehmen wir das Beispiel von Sebnitz, wo das Kind Joseph ermordet worden ist. Denkt daran, wie die Ermittlungen ausgeführt wurden. Der zuständige Staatsanwalt wusste das, was Biedenkopf wollte, und er gab es ihm. Jetzt sind es die Opfer – die Eltern des Kindes – und nicht die Täter, die die Staatsanwaltschaft mit großer Begeisterung strafrechtlich verfolgt“.

Wir hörten das Auto des preußischen Herrn im Hof anspringen und dann den Kies unter den Rädern knirschen, als der Chauffeur fing an, zum Ende der langen, von Bäumen gesäumten Gebirgstrasse, die von Carlottas Haus führte, herunterzufahren.

„Und das“, fügte Carlotta mit Entschiedenheit hinzu, „das ist das Land, das uns alle in die glänzende, neue Zukunft der europäischen Einigkeit führen wird? Es ist sicher nur ein Zufall, dass es ausgerechnet jetzt passierte, aber es ist kaum eine Überraschung, dass die Iren vor zwei Wochen gegen den Vertrag von Nizza stimmten“.

Kann sein. Was weiß ich? Ich habe nicht viel Ahnung von Politik.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

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