Letter from Munich – 025

Letter from Munich – the Joseph Affair – 25

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

29 June 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

The discussion turned out to be a grudge match, with each side throwing its worst accusations against the other:

“The PDS – the successor to the East German communist party – accuses us of having bankrupted Berlin”, said Heinrich, a Christian Democrat. “They’re enraged because the money the Berlin city government owes is equal to the national debt of a certain whole countries. If just the interest payments on that debt could be set aside for a week, they say, it would be enough to overhaul and refit all the crumbling school buildings you find everywhere in the city.”

Berlin is in fact a kind of Potemkin village, its critics say, where the opulence of the new federal chancellery or the buildings of Potsdamer Platz hide the rotten condition of the apartments that many people even in the western part of the city have to live in.

Someone said later that Heinrich appeared so outraged, with his eyes staring fixedly at Sarah and his thick lips almost permanently curled into a sneer, that she wouldn’t have been much surprised if he’d started foaming at the mouth. “What did the communists leave us with in Berlin?” he asked. “A city of flowering landscapes? We’ve had to spend billions cleaning up the mess you left us with, billions to bring Berlin up to the standards you would expect of the capital of a developed country.”

“Helmut Kohl didn’t have to persuade everybody to move the capital from Bonn,” Sarah replied quietly, with that intensity in her voice that articulate, brilliant young women always seem to have. “That’s where some of your billions went. He didn’t have to sink millions into that monstrosity of a chancellery, a building that exceeds the symptoms of megalomania that a Roman emperor or an Egyptian pharaoh might exhibit. Nor did Kohl have to allow the Christian Democrats to install their friends in positions in municipal banks and other organizations that allowed them to bilk the city of still more billions. Ten years after the collapse of East Germany, you can’t blame us for the financial disaster in Berlin.”

Heinrich, usually among the most articulate of men, was caught off guard and remained speechless during a split-second pause in Sarah’s stream accusations. “But there are other things about Germany that fill me with outrage and indignation. And again, as others have said before, they all seem to be associated with the murder of the boy Joseph in Sebnitz. Just as Neo-Nazis, advocates of the old ideas, killed Joseph, and advocates of other old ideas have killed the hopes of a better future for many Germans.”

Her indignation and suppressed fury made such an impression on us all, even on Heinrich now, that not even he tried to interrupt. “And yes, Helmut Kohl,” Sarah went on, “our dear Helmut is out campaigning for the Christian-Democrat mayoral candidate in Berlin, at a time when Kohl should be in jail for his campaign finance scandal and other crimes. In any country but Germany – or some dictatorial banana republic – Kohl would have long ago been prosecuted and forced to tell where he got his slush fund from and who destroyed the records in the Chancellor’s office the night before he left.”

Sarah had cleared the field of opposition now, and when no one spoke up to oppose her, she continued, “And yes, we all know that Helmut Kohl is free now, despite his crimes. We all know that the district attorney allowed him to simply pay a find and avoid having a criminal record.” And here she lowered her voice, as though fighting back the urge to cry out. “And at the same time that Helmut Kohl is free and has no criminal record, do you know who still DOES have a criminal record in Germany? Thousands of German former soldiers who deserted the Wehrmacht during World War Two. These men are considered felons. And the ones who went on fighting for Hitler until they were ordered to stop? Ah, those good Germans are rewarded for their obedience to Hitler. They’re all receiving fat pensions. And none of them, of course, have been deprived of their rights as citizens, which of course is not quite the case with the deserters”.

I don’t know. I’ve heard things like that on German television. But surely that couldn’t be true. Surely not in Germany. This land of “Denker und Dichter” – thinkers and poets. Or am I being naïve?

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 29. Juni 2001

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

eigentlich war es kein Gespräch, sondern ein echter Streit der Meinungen, und jede Seite brachte die schlimmsten Anschuldigungen gegen die andere vor.

„Die PDS beschuldigt uns, Berlin bankrott gemacht zu haben“, sagte Heinrich, ein CDU-Mitglied. „Sie sind wütend, weil der Stadtstaat Berlin liegt jetzt im Schuldenspiegel gleichauf mit gewissen Nationalstaaten. Man sagt, wenn die Zinszahlung nur eine Woche lang eingestellt werden würden, hätte die Stadt Geld genug, um all die zerbröckelnden Schulgebäude, die man überall in der Stadt sieht, zu sanieren“.

Berlin sei einfach ein potemkinsches Dorf, sagen diejenigen, die die Stadt kritisieren wollen. Es sei eine Stadt, wo der Luxus des neuen Bundeskanzleramts oder die Gebäude am Potsdamer Platz den schrecklichen Zustand der Wohnungen versteckt, in denen viele Menschen sogar im Westteil der Stadt ihr Leben führen müssen.

Später sagte mir eine Bekannte, dass Heinrich so empört zu sein schien, als er mit einem höhnischen Gesichtsausdruck und hervortretenden Augen seine Gesprächspartnerin Sarah anstarrte, dass es keine große Überraschung gewesen wäre, wenn er angefangen hätte, vor Wut zu schäumen. „Was habe die Kommunisten in Berlin hinterlassen?“ fragte Heinrich. „Eine blühende Landschaft? Wir mussten Milliarden ausgeben, um den Schmutz, den Ihr zurückließt, wegzuräumen, Milliarden um den Zustand Berlins zu verbessern, damit er der Hauptstadt eines entwickelten Landes angemessen sein könnte“.

„Niemand hat Helmut Kohl gezwungen, alle zu überzeugen, dass die Bundesregierung von Bonn nach Berlin versetzt werden sollte“, erwiderte Sarah leise, aber mit dieser Intensität in ihrer Stimme, die redegewandte, geniale junge Frauen immer zu haben scheinen. „Das war der Zweck, wofür eure Milliarden ausgegeben worden sind. Niemand hat Kohl gezwungen, Millionen dadurch zu vergeuden, dass er diese Ungeheuerlichkeit von einem Bundeskanzleramt bauen ließ. Ja, dieses Gebäude ist unglaublich schön, oder? Oder soll ich sagen, dass es nur unglaublich sei? Diese Monstrosität übersteigt die Symptome von Megalomanie, die ein römischer Kaiser oder ein ägyptischer Pharao zeigen könnte. Auch hat niemand Kohl gezwungen, den Christdemokraten es zu erlauben, dass ihre Freunde in Berliner Stadtkassen und in andere Organisationen installiert werden sollten, damit sie die Stadt um noch mehr Billionen betrügen könnten. Zehn Jahre nach der Wende, können Sie nicht uns von der PDS daran die Schuld geben, dass es in Berlin eine finanzielle Katastrophe gibt“.

Heinrich, der normalerweise äußerst redegewandt ist, wurde überrascht und während einer Pause im Strom von Sarahs Beschuldigungen blieb sprachlos. „Aber wo es um Deutschland geht, gibt es andere Dinge, die mir Wut und Empörung einflößen. Und noch einmal sage ich, wie andere vor mir gesagt haben, dass all diese Dinge scheinen, irgendeine symbolische Verbindung mit dem Kind Joseph zu haben, der in Sebnitz ermordet wurde. Ich meine, genauso wie Neo-Nazis, Befürworter der alten Ideen, Joseph ermordeten, haben Befürworter anderer alten Ideen die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft für viele Deutsche auch ermordeten“.

Ihre Empörung und verbissene Wut so imponierten uns alle, dass sogar Heinrich versuchte nicht, Sarah zu unterbrechen. „Und ja, Helmut Kohl”, fuhr Sarah fort, “unser liebe Helmut torkelt Berlin herum und führt seine eigene Wahlkampagne für den Oberbürgermeisterkandidat der CDU, zu einer Zeit, wo Kohl eigentlich im Gefängnis sitzen sollte, wegen seines Spendenskandals und seiner anderen Verbrechen. In allen anderen Ländern mit Ausnahme von Deutschland – oder von irgendeiner Bananarepublik – wäre Kohl schon vor langer Zeit strafrechtlich verfolgt und dazu gezwungen worden, die Quelle der illegalen Spenden zu erklären und die Identität des Menschen zu verraten, der die Akten in Kohls Bundeskanzleramt vernichtete“.

Es schien jetzt, als ob niemand gegen Sarah opponieren wollte, und als niemand sprach, sagte sie, „Und ja, wir wissen alle, dass Helmut Kohl jetzt frei ist, trotz seiner Verbrechen. Wir wissen alle, dass die Bonner Staatsanwaltschaft es erlaubte, dass er einfach ein Bußgeld bezahlen konnte und dadurch hat er vermieden, vorbestraft zu werden“. Und hier senkte Sarah die Stimme, als ob sie einem kräftigen inneren Drang aufzuschreien widerstehen musste. „Und zu derselben Zeit, wo Helmut Kohl frei und nicht vorbestraft ist, wisst Ihr, wer doch vorbestraft in Deutschland bleibt? Tausende von ehemaligen Soldaten, die wahrend des zweiten Weltkrieg desertierten. Diese Männer werden immer noch als Schwerverbrecher betrachtet. Und wie geht es den anderen, denjenigen, die für Hitler weiter kämpften, bis man ihnen aufzhören befahl? Meine Freunde, diese guten Deutschen werden jetzt dafür belohnt, dass sie Hitler treu blieben. Sie alle bekommen eine üppige Rente und bleiben im Besitz all ihrer Bürgerrechte“.

Ich weiß nicht. Ich habe so etwas in Deutschland schon oft ferngesehen. Aber das kann doch gar nicht stimmen, oder? Nicht in Deutschland. Nicht in dem Land der Denker und Dichter. Oder bin ich naiv?

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

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