Letter from Munich – 031

Letter from Munich – the Joseph Affair – 31

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

10 August 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

A continuation of the letter of last week:

About the same time, the mayor of Sebnitz, a CDU member, was also interviewed on German state television. At the end of a discussion with a reporter, he added ominously, staring directly into the camera and with a deadly serious expression on his face, that the investigation of these events would be pursued to their conclusion, no matter how “painful” that conclusion might be. Why the mayor of a town should be commenting in this way on the details of an ongoing police investigation or why he should have such an interest in the investigation remains, at least to an American, rather puzzling.

At any rate, new statements in the media soon followed. It was suggested that Dr. Kantelberg-Abdulla, the mother, was unbalanced. However, she was never referred to by her title. Even the fact that she had obtained her doctorate was rarely if ever mentioned. In a country like Germany, where titles and status count for much more than in the English-speaking world, and where everyone with a title of any kind is referred to by that title in public, those omissions were striking. Nor did it ever become public knowledge that the Drs. Kantelberg-Abdulla had survived two wars in Iraq. During that time Dr. Kantelberg-Abdulla, the mother, had worked as a university lecturer, under tremendous wartime stress, instructing medical students on subjects related to pharmacy.

Dr. Kantelberg-Abdulla, the mother, was depicted in the media as a woman isolated and shunned by her neighbors in Sebnitz. She was said to be haughty and arrogant, and the implication clearly was that she now deserved what she was getting. In fact, in addition to her professional duties, Dr. Kantelberg-Abdulla, the wife, has been a popular local politician, elected by her constituents to a seat on the Sebnitz town council. She was not, however, elected as a member of the seemingly all-powerful CDU, but as a member of the left-of-center rival SPD, the Social Democrats.

It may not be very relevant here, but it could perhaps be useful to remember that the Social Democrats are a party whose members have, since the time of Kaiser Wilhelm, suffered what no American politician could ever conceive of. Heinrich Mann, in his novel “Der Untertan,” wrote of their ostracism and imprisonment during this period. Many more writers have described what happened to Social Democrats during the Third Reich. Chancellor Schroeder himself reminded the country in a recent, surprisingly emotional remark before television cameras in the Bundestag that members of his party, the Social Democrats, had during the Nazi period suffered imprisonment and detention in concentration camps, physical and emotional trials that amounted to torture in the extreme, and of course execution.

This letter will be continued next week.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 10. August 2001

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

die Fortsetzung des Briefes von letzter Woche:

ungefähr um dieselbe Zeit wurde der Oberbürgermeister von Sebnitz, ein Mitglied der CDU, im deutschen staatlichen Fernsehen interviewt. Am End der Diskussion mit einem Journalist fügte er bedrohlich hinzu, als er direkt und starr in die Fernsehkamera blickte und bitterer Ernst ihm im Gesicht geschrieben stand, dass die Ermittlung in diesen Ereignissen dauern würde, bis die endgültigen Schlüsse daraus gezogen werden könnten, so schmerzlich diese Schlüsse auch sein mögen. Warum der Oberbürgermeister einer Kleinstadt über die Einzelheiten einer laufenden Ermittlung der Polizei auf diese Art und Weise Bermerkungen machen sollte, oder warum er großes Interesse für die Ermittlung zeigen sollte, das bleibt etwas rätselhaft, mindestens für einen Amerikaner.

Auf jeden Fall gab es bald danach in den Medien neue Aussage. Man deutete den Fernsehzuschauern und den Lesern der Zeitungen an, dass Frau Dr. Kantelberg-Abdulla unausgeglichen sei. Interessant aber war es, dass man sie niemals „Frau Doktor“ nannte. Die Tatsache, dass sie promoviert hatte, wurde selten, wenn überhaupt, erwähnt. In Amerika, wo ein Titel wenig zählt, wäre das kaum bemerkenswert. In Deutschland aber, wo der Titel, den man besitzt, entscheidend ist, und wo man mit dem Titel, den er hat, immer angeredet wird, war diese Unterlassung auffällend. Auch nicht ist es je allgemein bekannt worden, dass Dr. und Frau Dr. Kantelberg-Abdulla zwei Kriege in Iraq überlebt hatten. Während dieser Zeit in Iraq hat Frau Dr. Kantelberg-Abdulla als Universitätslektorin, im gewaltigen Stress der Kriegszeit, Medizinstudenten in Sachen unterrichtet, die mit der Arzneimittelkunde zu tun hatten.

Frau Dr. Kantelberg-Abdulla wurde immer öfter in den Medien dargestellt, als eine völlig verlorene Frau, von ihren Nachbarn in Sebnitz gemeidet. Man sagte, sie sei hochmütig und arrogant, und man ließ darauf schließen, dass sie es bestraft zu werden verdient hat. Der wahre Sachverhalt aber ist, dass, abgesehen von ihren professionellen Aufgaben, sie eine beliebte Politikerin in der Kleinstadt war und zweimal in den Stadtrat gewählt wurde. Sie wurde aber nicht als Mitglied der in Sachsen anscheinend allmächtigen CDU gewählt, sondern als Mitglied der rivalisierenden SPD, der Sozialdemokraten.

Es ist hier vielleicht nicht sehr relevant, aber es könnte vielleicht brauchbar sein, wenn man sich daran erinnerte, dass die Sozialdemokraten in Deutschland Menschen sind, die das erlitten haben, seit der Zeit des Kaisers Wilhelm, was Politiker aus Amerika oder anderen Ländern sich kaum vorstellen können. Heinrich Mann, in seinem Roman „Der Untertan“, schrieb über die Ächtung und Gefangensein, die verschiedene Sozialdemokraten in dieser Zeit durchgemacht haben. Noch viele Schriftsteller haben das geschrieben, was mit den Sozialdemokraten in der Zeit des Dritten Reiches passierte. Neulich hat Bundeskanzler Schröder selbst in einer überraschend emotionalen Rede vor Fernsehkameras im Bundestag die Deutschen daran erinnert, dass verschiedene Mitglieder seiner Partei in der Nazizeit Gefangenschaft in KZ-Lagern und körperliche und psychische Folter erlitten haben, die äußerst und sogar unglaublich schmerzhaft waren. Andere wurden hingerichtet.

Die Fortsetzung dieses Briefes folgt nächste Woche.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

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