Letter from Munich – 035

Letter from Munich – the Joseph Affair – 35

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

7 September 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

A continuation of the letter of last week:

In short, even the western part of Germany is in many ways still not what Americans think of as an “open society.” Some might say that the eastern part is in every way still not an open society.

Many people appear to believe that it is better not to see these things, that these problems will correct themselves somehow if they are simply ignored, if only one speaks positively about Germany, if only one will stop reminding Germans their country was once a “bad boy,” as one commentator recently termed it.

I know few people will ever believe what I have written here about what is supposed to be the most powerful country in Europe, at least not until the situation here becomes so bad that it can no longer be overlooked. I know that it is extremely unlikely that anyone will be fair to the Kantelberg-Abdullas and interview them in depth, instead of simply obtaining information about them from others, as so many journalists appear to have done. And yet truth cannot be silenced – at least not with a greater effort than those who oppose the truth in this case have so far made.

I am not familiar with the techniques of journalistic research, but I did make a round trip of fourteen hours by train between Munich and the Dresden area, when the Kantelberg-Abdullas still lived there, and I did speak with them. I did hear their side of their story. I have also obtained documents that support their side, and these documents I will present in these letters in the coming weeks and months and years – until I am silenced.

I also want to add that I am a man no longer young – and therefore, and because my means are limited, I am an excellent target for any reprisals that Kurt Biedenkopf and the CDU wish to direct against me. I am sure these reprisals will come. In Germany today, I have learned, criticism of superiors does not go unpunished. (Most Germans, unfortunately, are courageous in this respect, only when they can criticize or attack in groups. The dissident as an individual is still almost completely unheard of in Germany.) However, I have decided to try to provide the information this letter contains, and to run the very real risk of retribution for only one reason. I have often in my life seen talented and even gifted young people destroyed, without anyone having to suffer the consequences for that destruction. At my age I simply cannot stand to see such a thing happen one more time – certainly not to a child — without at least making some small effort to correct the situation.

For some reason I think of a woman who was interviewed on German television recently as a group of neo-Nazis marched through the small town she lived in. She was asked if the presence of the marchers was a cause of concern to her, and she replied that it was not, because “they’ve never done anything to me personally.”

The comment almost took my breath away and I heard once again in my mind the words a German social democrat is supposed to have spoken after the war, and which I quoted in somewhat different form at the beginning of this letter:

They came for the foreigners, but I wasn’t a foreigner,

so I said nothing.

They came for the leftists, but I wasn’t a leftist,

so I didn’t say a word.

They came for the handicapped, but I wasn’t handicapped

so I kept quiet,

because I didn’t want to make trouble.

Then they came for the loners and the misfits,

but I wasn’t a loner or a misfits,

so I just stood and watched.

Then they came for the Jews, but I wasn’t Jewish,

so still I said nothing.

And then finally they came for me.

This letter will be continued next week.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

—… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass die folgende Übersetzung viele Fehler enthält. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 7. September 2001

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

die Fortsetzung des Briefes von der letzten Woche:

Kurz, sogar der westliche Teil Deutschlands ist in mancher Hinsicht immer noch nicht das, was Amerikaner als eine „offene Gesellschaft“ bezeichnen könnten. Einige würden vielleicht sagen, dass der östliche Teil dieses Landes ist in jeder Hinsicht immer noch nicht eine offene Gesellschaft.

Viele scheinen zu glauben, dass es besser ist, diese Dinge nicht zu sehen, dass diese Probleme sich selbst lösen werden, wenn man sie einfach ignoriert, wenn man schöne Dinge über Deutschland sagt, wenn man die Deutschen nicht mehr daran erinnern würde, dass ihr Land einmal ein „böse Bube“ war, wie ein Kommentator es neulich nannte.

Ich weiß, dass nur wenige Leute das je glauben werden, was ich hier über das angeblich mächtigste Land Europas geschrieben habe. Ich weiß, dass fast niemand es glauben wird, mindestens nicht bevor die Lage so schlimm ist, dass man sie nicht mehr übersehen kann. Ich weiß, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass man die Familie Kantelberg-Abdulla überhaupt gerecht dadurch behandeln wird, dass ein verantwortungsbewusster Journalist sie interviewen wird, statt einfach Auskünfte über sie von anderen Menschen zu beschaffen, wie es scheint, sehr viele Journalisten getan haben. Doch die Wahrheit kann nicht erstickt werden – mindestens nicht ohne sich viel mehr zu bemühen, als diejenigen bis jetzt getan haben, die sich gegen die Wahrheit in diesem Fall wenden.

Ich bin nicht mit den Methoden journalistischer Untersuchungen sehr vertraut, aber ich habe eine vierzehnstündige Reise hin und zurück zwischen München und Großraum Dresden gemacht, als die Familie Kantelberg-Abdulla immer noch dort wohnte, und ich habe mit ihnen gesprochen. Ich habe auch, da alles seine zwei Seiten hat, ihre Seite gehört, weil ich beide Seiten verstehen wollte, und nicht nur die eines Staates, der nicht gerade für seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit bekannt ist. Ich habe auch Dokumente bekommen, die die Seite der Familie stützen, und diese Dokumente werde ich in diesen Briefen bekannt machen, in den kommenden Wochen und Monaten und Jahren – bis ich zum Schweigen gebracht werde.

Ich will auch hier hinzufügen, dass ich nicht mehr ein junger Mann und bestimmt nicht vermögend bin, und deshalb bin ich eine exzellente Zielscheibe der Vergeltungsakte, die Kurt Biedenkopf und die CDU gegen mich werden höchstwahrscheinlich richten wollen. Und ich bin mir sicher, dass diese Vergeltungsakte kommen werden. In Deutschland heute, habe ich gelernt, bleibt Kritik an den Obrigkeiten nicht ohne Strafe, mindestens wenn man allein ist. (Die meisten Deutschen sind leider immer noch mutig genug, Kritik an den Obrigkeiten zu üben, nur wenn sie gruppenweise Kritik üben oder angreifen können. Der Andersdenkende als ein Einzelner ist in Deutschland immer noch fast ganzlich unbekannt.) Nur aus einem einzigen Grund aber habe ich die Entscheidung getroffen, die Auskünfte bekannt zu machen, die dieser Brief enthält, und das Vergeltungsrisiko einzugehen, das sich zweifelsohne verwirklichen wird. Wie gesagt, bin ich ein ziemlich alter Mann und ich habe oft in meinem Leben talentierte und sogar begabte junge Menschen gesehen, die durch die Umstände ihres Lebens und auch manchmal durch das Handeln anderer Menschen völlig zerstört wurden, ohne dass eine einzige Person die Konsequenzen tragen muss. In meinem Alter kann ich es einfach nicht ertragen, dass so etwas noch einmal passiert – bestimmt nicht wo es um ein Kind geht – ohne mich mindestens ein bisschen zu bemühen, die Situation zu korrigieren.

Aus irgendeinem Grund denke ich jetzt an eine Frau, die im deutschen Fernsehen neulich interviewt wurde, als eine Gruppe von Neonazis durch die Kleinstadt marschierten, wo sie wohnte. Man hat sie gefragt, ob die Anwesenheit dieser Männer für sie ein Grund zur Beunruhigung sei. Nein, antwortete sie, weil diese Menschen ihr persönlich nichts Böses angetan hätten.

Ich fand diese Bemerkung fast atemberaubend, und ich hörte noch einmal im Geiste die Wörte, die ein deutscher Sozialdemokrat nach dem Krieg gesprochen haben soll, und die ich schon am Anfang dieses Briefes in einer etwas anderen Form zitiert habe:

Man kam, um die Ausländer abzuholen, aber ich war kein Ausländer,

also sagte ich nichts.

Man kam, um die Linken abzuholen, aber ich war kein Linker,

also sagte ich kein Wort.

Man kam, um die Behinderten abzuholen, aber ich war kein Behinderter,

also blieb ich still,

weil ich keinen Ärger machen wollte.

Dann kam man, um die Einzelgänger und die Außenseiter abzuholen,

aber ich war kein Einzelgänger oder Außenseiter,

also stand ich da einfach und alles beobachtete.

Dann kam man, um die Juden abzuholen, aber ich war kein Jude,

also sagte ich immer noch nichts.

Und dann schließlich kam man, um mich abzuholen.

Die Fortsetzung dieses Briefes folgt nächste Woche.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

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