Letter from Munich – 050

Letter from Munich – the Joseph Affair – 50

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

21 December 2001

Dear Mr. Graf, dear friends,

“So, where the Leuna bribery affair and Helmut Kohl are concerned,” said Francesca sarcastically, “everything is just fine, according to the media, and it’s the Swiss investigators who’re crazy. But if everything’s really all right, you still sort of wonder why Kohl is so afraid to give sworn testimony before the Bundestag investigating committee, or why so many files were destroyed in the Chancellor’s office at the end of Kohl’s term – to mention just few odd events.

“Heribert Prantl was right when he wrote yesterday in an editorial in the Sueddeutsche Zeitung, ‘Maybe there would have been a chance to clean up (Germany),’ if things had been different in the investigation of Kohl.”

She sighed. “The poor Germans, I love them, but when will they ever understand what people in Anglo-Saxon countries have understood for a very long time? They will never rid themselves of corruption by simply ignoring it, especially if they ignore it because of an exaggerated respect for authority, as they’re doing now in the case of Helmut Kohl.

“Is there still a chance of cleaning up Germany? Can Germany still be saved? For a while, yes, but after that?”

She looked at all of us for a moment. “But after that?” she repeated. “After that, God only knows. Can you guess what the German government is concentrating on at the moment? With the crimes that were committed during Kohl’s period in office? With the destruction of files in Kohl’s chancellery? Or with the fact that Kohl still refuses to speak openly and refuses to be questioned under oath by the Bundestag investigating committee? No, my friends, the German government is concerned with none of these things, the German government is now concentrating its resources not on the millions that flowed into the CDU treasury from secret sources, but rather on the problem of ordinary workers who are working illegally by not paying their taxes.” She shook her head. “All you can do is laugh. Or cry, for Germany.”

Then she turned toward me. “And you, my dear American friend, you still don’t get it, do you? You still don’t understand that your days as a university instructor are numbered. You’ve probably noticed that the times when you’ve been harassed have become more frequent, and the harassment has gotten worse, isn’t that true?

I wanted to say that that couldn’t be true, but she interrupted me. “Yes, the harassment. I’m talking about those anonymous little signs put up all over your classroom, directed at you, with your name scribbled on one of them. Believe me, you should consider yourself lucky if they let you teach the rest of the current semester at the university. It’s going to be your last semester. I guarantee it. Your criticism of the government, your criticism of the bureaucrats, your ‘Letters from Munich,’ all of that is going to be your undoing, my friend. Things like that are simply not tolerated in Germany.”

I was so shocked I was speechless.

Francesca opened a file that lay on the table in front of her. “And speaking of the ‘Letters from Munich,’ the Joseph affair is simply one small example of the corruption that is eating at the heart of Germany. I have here still another sworn statement by the young Rene May, who was there at the swimming pool when Joseph was murdered. This document begins with the usual formula, that I’m going to read out and shorten a little. It may be useful to read these words, because they offer some insight into how seriously the youthful witness must have taken his statement: Sebnitz, 6 July 2000. I, Rene May, declare that I understand the legal meaning of a Statement under Oath; I understand that a false sworn statement is a punishable offense; I understand that the following sworn statement is to be considered evidence in court.’

“I have a reason for reading that,” Francesca said, “because it is in this sworn statement that we find the often ridiculed remark that thirty or forty so-called Neonazis were in the swimming pool on the day Joseph was murdered. If you read the whole sworn statement, you find that what Rene May actually said sounds somewhat different from what was reported in the media.”

Well, I’m a simple old man, and all these things are fairly confusing to me, but perhaps people who are more intelligent than I am can understand them.

Continued next week.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

E-M… Saad and Renate Kantelberg-Abdulla:  majoskantelberg at t-online.de

–… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass, wenn es um eine Übersetzung aus der deutschen Sprache ins Englische geht, viele Fehler hervortreten müssen. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 21. December 2001

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„Also, den Medien nach, was die Leuna-Affäre betrifft“, sagte Francesca sarkastisch, „ist alles paletti, und die schweizerischen Vermittler sind verrückt. Aber wenn alles in Ordung ist, fragt man sich immer noch, warum Helmut Kohl solche Angst davor hat, vor dem Untersuchungsausschuss vereidigt zu werden, oder warum so viele Akten im Bundeskanzleramt am Ende Kohls Amtszeit vernichtet worden sind.

Heribert Prantl hatte Recht, als er in seinem gestrigen Leitartikel in der Süddeutschen Zeitung schrieb, ‚Vielleicht hätte die Chance der Entgiftung bestanden’, wenn alles anders gewesen wäre.“

Sie seufzte. „Die armen Deutschen, ich liebe sie, aber wann werden sie das verstehen, was die Menschen in den angelsächsischen Ländern schon lange verstanden haben? Die Deutschen werden nie Korruption dadurch loswerden, dass sie sie einfach ignorieren, insbesondere wenn sie sie aus Obrigkeitsdenken ignorieren, wie sie es jetzt im Fall Kohl tun.

Bestehen die Chance der Entgiftung Deutschlands immer noch? Ist Deutschland noch zu retten? Immer noch eine Weile, ja. Aber danach?”

Sie schaute uns alle einen Augenblick an. „Aber danach?“ wiederholte sie. „Danach, Gott weiß. Wisst ihr, womit die Bundesregierung sich jetzt beschäftigt? Mit den Verbrechen, die während Kohls Amtszeit begangen wurde? Mit der Aktenvernichtung in Kohls Kanzleramt? Mit der Tatsache, dass Kohl immer noch schweigt, dass er vor dem Bundesuntersuchungsausschuss nicht vereidigt wurde, weil er wollte das nicht? Beschäftigt sich die Bundesregierung mit den Millionen, die die CDU aus unbekannten Quellen gesammelt hat? Nein, meine Freunde, nach der gestrigen Tagesschau, beschäftigt sich die Bundesregierung mit dem Problem der Scwarzarbeit“. Sie schüttelte den Kopf. „Da kann man doch nur lachen – oder weinen, um Deutschland“.

Dann wandte sie mir ihre Aufmerksamkeit zu. „Mein lieber amerikanischer Freund, verstehst du immer noch nicht, dass deine Tage als Universitätsdozent gezählt sind? Du hast ja wohl bemerkt, die Schikane und Mobbing sind schlimmer geworden, nicht wahr?“

Ich wollte sagen, dass das nicht wahr sein könnte, aber sie unterbrach mich. „Ja, die Schikane. All diese anonyme Schilder überall in deinem Klassenzimmer, an dich gerichtet, mit deinem Namen darauf gekritzelt. Glaub mir, du solltest dich als glücklich betrachten, wenn man dir erlaubt, den Rest dieses Semesters an der Universität zu unterrichten. Es wird dein letztes Semester sein. Ich garantiere es. Deine Kritik an der Regierung, deine Kritik an den Bürokraten, deine ‚Briefe aus München’, all das wird dein Verderben sein, mein Lieber. Man toleriert so etwas an einer deutschen Universität überhaupt nicht“.

Ich war so schockiert, dass ich sprachlos war.

Francesca öffnete eine Akte, die vor ihr auf dem Tisch lag. „Und wo es um diese ‚Briefe aus München’ geht, ist der Fall Joseph nur ein winziges Beispiel für die Korruption, die das Herz Deutschlands zerfrisst. Ich habe hier noch eine Eidesstattliche Versicherung von dem Jungen Rene May, der dabei war, als Joseph ermordet wurde. Diese Dokument beginnt mit den gewöhnlichen Worten, die ich ein bisschen abkürzen werde. Es ist aber vielleicht hilfreich, sie zu zitieren, weil wir dann wissen können, wie ernst der junge Zeuge die Aussage nehmen musste: ‚Sebnitz. 6. Juli 2000. Mir, Rene May, sind die rechtliche Bedeutung einer eidesstattlichen Versicherung, insbesondere die strafrechtlichen Folgen einer falschen eidesstattlichen Versicherung sowie die Tatsache bekannt, dass meine nachfolgende eidesstattliche Versicherung zur Vorlage beim Gericht bestimmt ist.’

Ich habe das absichtlich noch einmal vorgelesen“, sagte Francesca, „weil es in dieser eidesstattlichen Versicherung um die berühmte Aussage geht, über die alle gelacht haben und die all so lächerlich gefunden haben, nämlich, dass dreißig oder vierzig sogenannte Neonazis im Schwimmbad waren, am Tag, wo Joseph ermordet wurde. Wenn man die komplette eidesstattliche Versicherung liest, findet man, dass das, was Rene May eigentlich sagte, sich ein bisschen anders anhört, als das, was in den Medien berichtet wurde“.

Na ja, ich bin ein einfacher, alter Mann und ich finde all diese Dinge ziemlich verwirrend, aber vielleicht können Menschen es verstehen, die kluger sind, als ich.

Fortsetzung nächste Woche.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

E-M… an Herrn und Frau Dr. Kantelberg-Abdulla:  majoskantelberg at t-online.de

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