Letter from Munich – 057

Letter from Munich – the Joseph Affair – 57

EINE DEUTSCHE FASSUNG STEHT WEITER UNTEN.

8 February 2002

Dear Mr. Graf, dear friends,

“Well,” Francesca had said last week, “this case is strange, isn’t it? And it will get even stranger when I read out another sworn statement, also by Rene May, a statement that the Kantelberg-Abdullas also gave me. In this third statement, which is a record of the interrogation by the police in Dresden and not by lawyers in front of a judge or by the parents themselves, as was the case with the first two statements, the boy contradicts almost everything he said before. The Kantelberg-Abdullas gave me this third statement themselves, although it hurts their case, because they believe that the first two statements – one before a judge in Dresden and one before the Kantelberg-Abdullas themselves – are true, and that this third statement shows that the boy was put under pressure to tell a harmless version of his story. The Kantelberg-Abdullas could have tried to hide this third statement from me, but they didn’t do that. So for this reason, too, I trust them.” Then she added, “Yes, you’ll see that the entire case is – how can I describe it? – almost Rashomon-like. Kurosawa could have made a masterpiece of it.”

Before she began reading, she mentioned to us that this time too Rene May had signed a statement in which he confirmed, “I have been reminded that witnesses who do not tell the truth in the course of an investigation, . . . are liable to be punished.”

“What is important here,” said Francesca, “is the fact that this questioning took place on 27 November 2000. About six weeks before that, on 12 October 2000, in a statement which I’ve already read to you, the Sebnitz police reported about Rene Mays brother, ‘About 9:50 pm four young men jumped him in the dimly-lit parking lot of the local bank. Two of them held his arms while one of the others said, “We’re going to kill you.” The fourth, using his fist, hit him twice in the face and in the rib cage. The injured party suspects that one reason for the attack was an interview that his fifteen-year-old brother gave on German television, in which he said he had seen the possible murder of little Joseph committed by right-wingers’”.

Francesca paused a moment. Then she said, “Why is it relevant that the parking lot was ‘dimly lit’? So that Rene May’s brother could later say that he had not recognized those who attacked him? And why do the police say ‘the injured party’ and not ‘the victim’? Perhaps because the term ‘injured party’ can imply that there was no question of an attack by right-wingers, but simply a street brawl between the ‘uninjured parties’ and the ‘injured party’. In addition, the last sentence in the police report is also somewhat odd. How is it possible for someone to have ‘seen’ a ‘possible murder’? The police’s syntax would appear to be under strain here, something that often happens when people try to reconcile two completely contradictory ideas. Either the boy saw a murder, as he said, or he didn’t see one. The problem for the police at that time was that they couldn’t deny the boy saw SOMETHING, and that he had characterized it as a murder in two earlier sworn statements and in two television interviews, but the police simply did not want, or were not able, to admit that the boy really saw a murder committed. Under the then current circumstances in Saxony, that would have been politically incorrect. The only way to get rid of the problem was to carry out a third questioning of the boy, one where he would deny what he had said earlier. And that is exactly what happened.”

Francesca smiled and then went on, “It was in an atmosphere of intimidation, where there were numerous right-wingers or neo-Nazis in Sebnitz and in Saxony, where those who committed the ‘possible murder’ of Joseph were running around free, and where the media often reported that there were policemen who were not at all unsympathetic to right-wing criminals, that Rene May was questioned for the third time.”

The record of Rene May’s third statement begins as follows:

“Today around 12:45 pm, two officers, Hartmann and Neugert, came to me at home. I was asked to accompany them to police headquarters in Dresden for questioning.”

Continued next week.

Sincerely yours,

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

E-M… Saad and Renate Kantelberg-Abdulla:  majoskantelberg at t-online.de

–… many recipients of this letter may read German more easily than they read English, the following is the author’s own translation of the above letter. Please note that word-processing programs outside of German-speaking countries may not display all of the letters of the German alphabet correctly.

Bitte vergessen Sie nicht, dass der Autor dieses Briefes Autodidakt ist, was die deutsche Sprache betrifft, und er weiß, dass, wenn es um eine Übersetzung aus der deutschen Sprache ins Englische geht, viele Fehler hervortreten müssen. Er hofft aber, man werde diese Fehler übersehen, um hinter den Fehlern das sehen zu können, was in diesem Schreiben und in dieser Affäre von zentraler Bedeutung ist.

München, den 8. Februar 2002

Sehr geehrter Herr Graf, sehr geehrte Freunde,

„Na ja“, hatte Francesca letzte Woche gesagt, „dieser Fall ist ein Rätsel, oder? Und es wird noch rätselhafter werden, weil ich anfangen werde, noch eine Zeugenvernehmung von Rene May vorzulesen, eine Zeugenvernehmung, die die Kantelberg-Abdullas mir zusammen mit anderen Dingen gegeben haben. In dieser dritten Vernehmung von Rene May, die von der Polizei in Dresden und nicht von Rechtsanwälten vor einer Richterin oder von Josephs Eltern geführt wurde, wie es mit den ersten zwei Vernehmungen der Fall war, widerspricht der Junge fast alles, was er vorher gesagt hat. Wie gesagt, haben die Kantelberg-Abdullas selbst mir diese dritte Vernehmung gegeben, obwohl diese Vernehmung ihrer Sache schadet. Die Eltern glauben, dass die erste zwei Vernehmungen – vor einer Dresdner Richterin und vor den Kantelberg-Abdullas selbst – wahr sind, und dass diese dritte Vernehmung zeigt, dass der Junge unter Druck gestellt wurde, damit er eine neue und harmlose Version seiner Geschichte erzählen würde. Die Kantelberg-Abdullas hätten versuchen können, mir diese dritte Vernehmung zu verheimlichen, aber sie haben das nicht getan. Also aus diesem Grund auch, vertraue ich ihnen“. Dann fügte sie hinzu, „Ja, ihr werdet sehen, dass der ganze Fall – was kann man sagen? – fast ‚Rashomon’-artig ist. Kurosawa hätte ein Meisterwerk daraus machen können“.

Bevor sie fing an, vorzulesen, sagte sie, dass Rene May auch diesmal eine Erklarung unterschrieb, wonach er bestätigt, „Ich bin darauf hingewiesen worden, dass Zeugen, die im Ermittlungsverfahren bewußt die Unwahrheit sagen, . . . sich . . . der Gefahr einer Bestrafung aussetzen“.

„Das, was hier wichtig ist“, sagte Francesca, „ist die Tatsache, dass diese Vernehmung am 27. November 2000 durchgeführt wurde. Ungefähr sechs Wochen davor am 12. Oktober 2000, in einer Erklärung, die ich euch schon vorgelesen habe, hatte die Polizei von Sebnitz über Rene Mays Bruder berichtet, ‚Gegen 21.50 sind auf dem dunklen Kundenparkplatz der Sparkasse vier Jugendliche vor ihm gesprungen. Zwei haben ihn an den armen gepackt, ein weiterer sagte wörtlich: „Wir bringen dich um“. Und der vierte schlug ihn mit der Faust zweimal ins Gesicht und den Rippenbereich. Der Geschädigte vermutet als Grund für den Angriff, dass sein 15jähriger Bruder ein Fernsehinterview für RTL und Pro7 gegeben hat. Darin hat er geäußert, dass er den möglichen Mord des kleinen Joseph durch rechte Täter gesehen hat’“.

Sie hielt einen Augenblick inne. Dann sagte sie, „Warum ist es relevant, dass der Parkplatz ‚dunkel’ war? Damit Rene Mays Bruder später sagen könnte, er hat die Täter nicht erkannt? Und warum sagt man ‚der Geschädigte’, und nicht ‚ das Opfer’. Vielleicht weil der Begriff ‚der Geschädigte’ kann darauf schließen lassen, dass es nicht um einen Angriff von Rechten sondern nur um eine Strassenschlägerei geht, zwischen ‚Ungeschädigten’ und einem ‚Geschädigten’. Außerdem ist der letzte Satz des Polizeiberichts etwas komisch: Wie ist es möglich, dass man einen ‚möglichen Mord’ ‚gesehen hat’? Entweder wirklich sieht man einen Mord, oder möglicherweise sieht man einen Mord. Kann man aber einen ‚möglichen Mord’ sehen? Die polizeiliche Syntax scheint sich zu strapazieren, und das passiert oft, wenn man vergebens versucht, zwei völlig widersprüchliche Ideen im Einklang zu bringen. Entweder hat der Junge einen Mord gesehen, wie er am Anfang sagte, oder er hat einen nicht gesehen. Das Problem für die Polizei zum diesen Zeitpunkt war, dass sie konnte nicht bestreiten, dass der Junge ETWAS gesehen hat, und dass er es in zwei früheren eiderstaatlichen Versicherungen und in zwei Fernsehinterviews als einen Mord bezeichnete, aber die Polizei einfach wollte nicht oder konnte nicht zugeben, dass er tatsächlich einen Mord sah. In den damligen Umständen in Sachsen wäre das politisch unkorrekt gewesen. Die einzige Möglichkeit, das Problem zu beseitigen, darin bestand, eine dritte Zeugenvernehmung durchzuführen, wo der Junge alles verleugnen würde, was er vorher gesagt hat. Und genau das ist es, was passiert ist“.

Francesca lächelte und fuhr fort, „Es war in einer Atmosphäre von Einschüchterung, wo es zahlreiche Rechtsradikale oder Neonazis in Sebnitz und in Sachsen gab, wo die Täter des ‚möglichen’ Mord des kleinen Joseph auf freiem Fuss waren, und wo die Medien oft berichtet haben, dass es Polizisten gibt, die rechte Täter überhaupt nicht unsympathisch finden, dass Rene May zum dritten Mal verhört wurde:

„Am heutigen Tag“, beginnt das Protokoll, „wurde ich durch die Beamten Hartmann und Neugert, gegen 12:45 Uhr zu Hause aufgesucht. Ich wurde gebeten, die Beamten, ins Polizeipräsidium nach Dresden zu einer Zeugenvernehmung zu begleiten“.

Fortsetzung nächste Woche.

Mit freundlichen Grüßen

Robert John Bennett

Mauerkircherstrasse 68

81925 Germany

Telephone: +49.89.981.0208

E-Mail:  rjbennett at post.harvard.edu

E-M… an Herrn und Frau Dr. Kantelberg-Abdulla:  majoskantelberg at t-online.de

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