VERSION AUF DEUTSCH — Das Ende ist es, wo wir anfangen — Teil 01, Kapitel 11-20

Teil 1, Kapitel 11

„Und allmählich, je mehr ich las und je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dächer, Gassen und Alltag ergriff, tauchte des Öfteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete Welt warte auf mich, dass ich einen Teil ihrer Schätze höbe, den Schleier des Zufälligen und Gemeinen davon löse und das Entdeckte durch Dichterkraft dem Untergang entreiße und verewige“.
–Hermann Hesse
Peter Camenzind

Bei diesem ersten Besuch bei Ann und Clayton, fühlte er sich fast so schüchtern, wie er es immer war, als er andere Leute zum ersten Mal kennen lernte. Außerdem war er sich davon sicher, dass sein Verhalten ihnen äußerst unbeholfen scheinen müsste. Er wollte aber glauben, dass, wenn sie ihn als unbeholfen sahen, sie gleichzeitig verstanden, dass er kaum umhinkonnte, einem Gefühl davon zu erliegen, sich über alles dankbar zu wundern, was er in ihrem Zuhause sah: die Zeichen von Intelligenz in allem, was sie taten, und in der Art und Weise, wie sie lebten, den Beweis dafür, dass sie an Schönheit Gefallen fanden. Die Einrichtungsgegenstände des Zimmers, in dem sie saßen, waren so schlicht und doch so voll von der Anmut und Schönheit prächtiger Kunstwerke, dass er eine Art von Ehrfurcht spürte, eine Ehrfurcht, die so groß war, dass, ab und zu, er sich auf das Gespräch mit Ann und Clayton kaum konzentrieren konnte.

Er fühlte sich von einem Gemälde besonders hingezogen, das schien, eine Art Einstieg in eine Welt der intensiven Farbe und Tiefe und ungewöhnlichen Form zu ermöglichen. Ann fragte ihn, ob es ihm gefiel.

„Ja“, sagte er mit einem Lächeln, „ich glaube, die Farben haben ein besonderes Merkmal, das ich sehr lange nicht gesehen habe. Es gibt da eine Art Leben und Bewegung – ich weiß nicht es zu erklären.“

Ann warf einen kurzen Blick auf das Holzscheit, das im Kamin brannte. Dann lächelte sie Clayton an. „Clay hat immer gewusst, solche Gemälde zu schätzen“, sagte sie. „Deshalb haben wir so viele davon, und dafür bin ich ihm sehr dankbar“.

David wollte fortfahren und ihnen das sagen, was er wirklich dachte und empfand, aber er wusste nicht, wie er das tun könnte. Er fühlte sich unbehaglich und ängstlich. Er hatte sie gerade kennen gelernt, und er wollte nicht etwas Dummes sagen. Gleichzeitig aber wollte er, dass sie möglichst viel über ihn wissen. Vielleicht auch damals spürte er, je mehr er ihnen über sich selbst erzählte, umso mehr würde er über sich selbst lernen. Das aber, was ihn am meisten beschäftigte, war ihm ein Bedürfnis, über das zu sprechen, was ihm sehr wichtig – sogar eilig – war.

„Vorm letzten Jahr in der Oberschule, habe ich Malereien kaum beachtet,“ sagte er. „Ich konnte nie verstehen, was andere Menschen darin sehen oder warum sie daran Gefallen finden.“

„Und was ist in diesem Jahr geschehen?“, fragte Clayton.

David beugte sich ein wenig vor und warf einen kurzen Blick um das Zimmer, das sich mit Licht und Farbe erfüllt und so sehr warm und einladend war. Er blickte sich nach allen Seiten um, als ob er die Antwort auf Claytons Frage irgendwo vor ihm in der Luft hätte sehen können. Im Hintergrund hörte er fast unbewusst die Komplexitäten von Bach, die schienen, wie Fäden von Musik miteinander verwoben zu werden. „In diesem Sommer“, fing er an, und seine Stimme klang für ihn etwas rauchig, „bin ich nach Europe mit einigen Schulfreunden gereist. Gegen Ende unserer Rundreise fahren wir nach Paris. Und natürlich, besuchten wir den Louvre“.

Plötzlich schien es sehr still in diesem Zimmer zu sein – David konzentrierte sich sehr auf seine Gedanken, und vielleicht taten Clay und Ann dasselbe. Das aber, was ihm eine ganze Menge in diesem Augenblick ausmachte – und in jedem ähnlichen Augenblick – war die Freisetzung von der Flut von Ideen, die bis dahin durch irgendetwas in seinem eigenen Geisteszustand zurückgehalten wurde, oder durch die Tatsache, dass ein Mensch ihm fehlte, mit dem er offen und auf eine echt tiefsinnige Art und Weise reden konnte. Und als er redete, allmählich erworben diese Gedanken ihr eigenes Leben, und dieses Leben hatte nur einen Imperativ: Das Bedürfnis, artikuliert zu sein, zum Ausdruck gebracht zu werden, einen Augenblick zu strahlen und vielleicht in den Geist oder in das Bewusstsein eines anderen Menschen aufgenommen zu werden.

Natürlich, je mehr er von all diesen Gedanken mitgerissen wurde, umso mehr Angst hatte er. Es war, als ob er plötzlich Lampenfieber hätte. Er stellte sich auch vor, dass er kurzatmig war und dass er spüren konnte, wie sein Herz schlug.

„Die impressionistischen Gemälde waren im Jeu de Paume. Eines Tages, als es regnete und Paris überall trüb und trostlos war und – ich weiß, dass es sehr dumm klingt – Paris auch wie eine Art Zauberstadt schien, bin ich allein dorthin gegangen – zum Jeu de Paume – früher bin ich irgendwohin allein verschwunden, immer wieder.

„Also jedenfalls, ich bin zum Jeu de Paume gegangen – es war eine Art Zufall, glaube ich – und dort waren sie: diese erstaunlichen Gemälde. Ich hatte nie zuvor solche Gemälde gesehen. Große Farbenregen – Farbenpracht, die so strahlend und klar und intensiv war, dass sie mich packte, wie sonst nichts es je getan hatte. Zum ersten Mal verstand ich, warum große Gemälde groß sind und warum man dachte, sie sind so sehr wichtig“.

Auf diese Art und Weise sprach er weiter; er konnte sich nicht bremsen. Alles andere war ihm jetzt gleichgültig: das, was Ann und Clay von ihm hielten, oder wie lächerlich sie ihn vielleicht finden konnten.

Als er redete, starrte er das Feuer im Kamin an, rückblickend auf diesen glänzenden Augenblick in der Vergangenheit, wo er das Jeu de Paume zum ersten Mal besuchte. „Ich hatte das Gefühl, dass die ganze Welt sich irgendwie auf irgendeine grundlegende Art und Weise bewegt hat, als es eine tiefe Veränderung in der Natur der Dinge gegeben hätte“.

Dann auf einmal hatte er Angst davor, dass er zu viel gesagt haben könnte. Er hielt nochmals inne und lehnte sich auf dem großen weißen Sofa zurück. Plötzlich aber war er davon überzeugt, dass Ann und Clay doch alles verstanden haben müssen, oder wollte er glauben, sie haben alles verstanden, und er fuhr fort, „Sehen Sie, nachdem ich diese Gemälde eine Zeitlang angeschaut hatte, fürchte ich beinahe, dass, wenn ich nach draußen ging, alles irgendwie anders wäre, alles anders aussehen würde. Aber dann dachte ich mir, dass alle Menschen diese Gemälde auf diese Art und Weise sehen müssen. Deshalb hängen sie da.

Das Licht aus dem Kamin tanzte und floss durch das Zimmer. Es erfüllt alles von seinem Glühen – den beigen Teppichboden und das Möbel, die edelsteinartigen Farben der Kunstwerke auf den Wänden, die langen weichen Falten der Vorhänge. Und irgendwo führte die Musik von Bach eine Vision weiter aus, die nicht ganz eine Vision einer anderen Welt oder einer anderen Zeit war, aber – oder so dachte David – eine Vision, die jeder Welt und jeder Zeit gehörte.

„Und glaubst du das jetzt?“ fragte Ann leise. „Ich meine, glaubst du immer noch, alle sehen diese Gemälde auf dieselbe Art und Weise, wie du sie siehst?“

Das war etwas, worüber er nicht nachdenken wollte. Es hatte für ihn zu viele bestürzende Implikationen. „Aber natürlich“, sagte er und versuchte möglichst zwanglos zu wirken, „auf diese Art und Weise sieht nicht jedermann. Das weiß ich. Das ist normal. Aber ich bin sicher, dass die meisten Menschen auf dieselbe Art und Weise sehen, wie ich. Die meisten intelligenten oder gebildeten Menschen“. Dann fügte er hinzu, „Nicht wahr?“

Ann und Clay warfen sich gegenseitig einen Blick zu.



Teil 1, Kapitel 12

„…der Konflikt zwischen Eliteschule und Elternhaus…, der manchem anderen von seiner Art die Jugendjahre belastet…und in manchen Fällen hochbegabte junge Menschen zu schwierigen und problematischen Charakteren macht“.
–Hermann Hesse
Das Glasperlenspiel

Während der Zeit, als er aufgewachsen ist, gab es ein so großes Gefühl der Instabilität bei ihnen zu Hause, dass es konnte ihm beinahe körperlich wehtun. Natürlich am Anfang, als er ein Kind war, konnte er diese Instabilität noch nicht ganz wahrnehmen. Er wusste, dass irgendetwas irgendwo schief zu gehen schien, aber er wusste nicht, was das war. Er hatte wirklich keine echte Möglichkeit, die Familie, in der er ein Mitglied war, mit dem inneren Leben anderer Familien zu vergleichen. Eigentlich dachte er sehr wenig an andere Familien.

Als er aber aufwuchs, zur Schule ging, mit ein paar anderen Schülern Freundschaft schloss und sie zu Hause besuchte, begann es, ihm zu scheinen, dass seine Familie nicht ganz ähnlich wie andere Familien war. Anscheinend wohnten andere Familien in Häusern, wo es ein dauerndes Gefühl der Wärme gab, ein Gefühl der Solidarität, eine Art Friedlichkeit und vor allem eine Stimmung davon, was er nur als Verständlichkeit bezeichnen konnte. All das fehlte dem Haus, in dem er wohnte.

Ihm wurde es allmählich bewusst, dass in diesem Haus es immer eine dunkle Befürchtung gab, eine vage Art Verwirrung, als ob nichts das wäre, was es zu sein schien oder was es sein sollte. Es war, als ob alles etwas anderes werden könnte, sehr leicht und jeden Augenblick, oder es könnte überhaupt nichts werden.

Er hatte nie das Gefühl, dass er materiell benachteiligt war. Das ständiges Gefühl aber, dass er in einer Familie aufwuchs, die immer am Rand des Zusammenbruchs zu sein schien, verursachte in ihm endlose Angst, Einsamkeit und Hilflosigkeit. Als er nicht mehr Kind war und anfing, Jugendlicher zu sein, sind diese Gefühle fast überwältigend geworden. Er war verzweifelt, und er glaubte, dass er nirgendwo Hilfe finden könnte, außerdem vielleicht bei Gott – insofern, als ein Junge wie er irgendetwas über Gott wissen konnte. Die Probleme, mit denen er konfrontiert wurde, schienen ihm so enorm, so kompliziert und fast so unlösbar, dass er glaubte, dass nur Gott mächtig genug wäre, mit ihnen fertig zu werden. Er glaubte, dass es keine Möglichkeit gäbe, dass er auf einem rein menschlichen Niveau Hilfe erhalten würde. Er war davon überzeugt, dass, wenn Gott ihm Hilfe leistete, Gott ihm durch das Eingreifen eines Priesters zu Hilfe kommen würde.

Manchmal glaubte er, dass, wenn irgendjemand ihm keine Hilfe leistete, er sich in den Ozean des neurotischen Verhaltens seiner armen Eltern einfach auflösen würde. Unter diesen Umständen, schien es ihm nur natürlich zu sein, dass er sich an Gott wenden würde. Er wurde katholisch großgezogen, mindestens im formellen Sinn des Wortes „katholisch“, und er hat von Gott durch das Lehren der Nonnen erfahren, wie alle anderen Kinder. Als er immer noch sehr jung war, hatten seine Eltern ihn jeden Samstagvormittag zum Katechese-Unterricht gehen lassen, und sie haben dafür gesorgt, dass er die Erste Heilige Kommunion empfing und dass er später gefirmt wurde. Innerhalb der Familie aber gab es gar keine Ermutigung, seinen Glauben auszuüben. Sonntags nahmen seine Eltern ihn und seinen Bruder zur Heiligen Messe mit, aber diese körperliche Anwesenheit in der Kirche, als der Priester die Messe hielt, schien der Anfang und das Ende jeder Beziehung zu sein, die die Familie zu Gott vielleicht haben konnten. Als die Zeit verging, begann auch diese entfernte Beziehung nachzulassen, jedenfalls für seine Eltern, und ihre Anwesenheit während der Heiligen Messe wurde seltener.

Für ihn aber ließ diese Beziehung nicht nach. Und als die gewöhnlichen Ängste und Verwirrung und Schwierigkeiten der Jugend vergrößert wurden, durch das unausweichliche Gefühl, dass seine Familie eine äußerst unglückliche Familie sein müsse und dass er ein äußerst unglücklicher Junge sei, dachte er weiter, dass etwas Desaströses passieren würde, wenn er nicht irgendwie, irgendwo, Hilfe von irgendjemandem erhielt. Sehr oft war er sich dessen bewusst, dass er diese Hilfe äußerst dringend brauchte.

Ein Grund dazu, dass er sich gezwungen sah, Hilfe zu suchen, war, dass die beherrschende Macht in der Familie bei weitem die Macht seiner armen Mutter war. Vielleicht, in gewisser Hinsicht, ist das bei den meisten Familien der Fall. Wenn aber ja, wird diese Familie glücklich sein, nur dann, wenn die Mutter ihre beachtliche Macht darauf verwendet, dass sie ihre Kinder und ihren Mann ermutigt, stark zu sein und ihre völle Größe zu erreichen.

Leider in Davids Familie hat seine Mutter nicht auf diese Art und Weise ihre Macht benutzt, was zur Folge hatte, dass das Leben eine Art Albtraum war, für alle anderen im Kreise der Familie.

Sie war eine vielschichtige und intelligente Frau, und auf ihre eigene traurige Art und Weise konnte sie ohne jede Rücksicht agieren, als sie versuchte das zu erreichen, was sie wollte. Ihre Intelligenz aber war eingeengt und unfrei und hatte sich in sich selbst zurückgezogen. Diese Intelligenz wurde schließlich enorm destruktiv – auf die eine oder andere Weise vernichtete und ruinierte sie alles, was sie anrührte.

Was oder wer hat sie eingeengt und unfrei gemacht? Der Zustand unserer modernen Gesellschaft und deren Erwartungen? Vielleicht, in gewisser Hinsicht. Persönliche Grenzen oder Handikap resultieren oft aus Selbstsüchtigkeit. Also ist es vielleicht die Gesellschaft, in der wir leben, die diese Grenzen gewissen tragischen und Mitleid erregenden Frauen möglicherweise dadurch auferlegen kann, dass diese Gesellschaft die Selbstsüchtigkeit unterstützt, unter der alle Menschen vielleicht leiden, in gewissem Maße. Unsere Gesellschaft kann diese Selbstsüchtigkeit so weit hervorrufen, dass es nichts im Herzen der armen Frau übrig bleibt, außer Selbstsüchtigkeit, und es kann eine Art Selbstsüchtigkeit werden, die sich tarnt und ausdrückt, auf tausenderlei geniale Art und Weise, jede davon für all diejenige ungünstig, mit denen die Frau in Berührung kommen mag.

Und dann erzeugt Selbstsüchtigkeit auch andere Eigenschaften der Persönlichkeit: Habgier, zum Beispiel, und die Tendenz zu versuchen, alles und alle in Reichweite zu dominieren.

Er dachte aber, dass es unrecht von ihm wäre, Frauen wie seine Mutter für ihr Benehmen verantwortlich zu machen. Er sagte sich, wenn das Handeln solcher Frauen die Folge der Grenzen sind, die die menschliche Gesellschaft ihnen setzt, dann sollte die Schuld daran der menschlichen Gesellschaft gegeben werden, und nicht den Frauen. Selbstverständlich müssen Männer über alle Grenzen hinausgehen, die ihnen auferlegt werden, aber wo es um Frauen wie meine arme Mutter geht, kann man so etwas nicht erwarten. David glaubte, dass Frauen nicht dafür verantwortlich sind, über die ihnen auferlegten Grenzen hinauszugehen, sondern es ist die Gesellschaft, die dafür verantwortlich ist, diese Grenzen zu entfernen. Außerdem war er davon überzeugt, dass, egal welche Fehler die Gesellschaft in Frauen eingeprägt haben mag, diese Fehler nicht beachtet werden müssen. Er glaubte auch fest, dass Frauen nicht dazu verpflichtet sein sollten, von sich aus die Initiative zu ergreifen und diese Fehler korrigieren; überdies muss die Schuld an diesen Fehlern nicht ihnen gegeben werden.

Er glaubte, man konnte seiner Mutter überhaupt keine Schuld geben. Sie ist zu bemitleiden, und man muss sie verzeihen und für sie beten, aber man kann ihr keine Schuld geben. David für seinen Teil gab ihr keine Schuld, und als er über ihr Verhalten mit anderen Menschen sprach, tat er das, nur um sein eigenes Leben zu erklären und nicht um ihr die Schuld an irgendetwas zu geben – und sicherlich nicht um sie zu bezichtigen, etwas Falsches getan zu haben. Außerdem würde er nie die Art und Weise, wie sie sich benahm, ausnutzen, als eine Erklärung der Fehler, die er in seinem Leben gemacht hat, oder als ein Versuch alles zu rechtfertigen, was er verkehrt gemacht haben mag. Er verstand, dass er es sei, der für alles verantwortlich war, was er tat, er und niemand anders.

Davids Mutter ist in einer Industriestadt in Großbritannien geboren, aber sie sagte oft, dass ihre Familie aus Litauen abgewandert ist, wie die Familie seines Vaters. Er fragte sich oft, ob die Eltern seiner Mutter vielleicht Juden wären, die versuchten, in Amerika integriert zu werden. Auf jeden Fall, wie viele Amerikaner hatte er ein Gefühl von Verbundenheit mit Juden; er glaubte, es würde immer eine enge Beziehung geben, zwischen dem Schicksal von Amerikanern und dem Schicksal des jüdischen Volkes.

Die Familie seiner Mutter war bestimmt nicht reich. Seine Mutter pflegte zu sagen, dass die Familie irgendwo im US-Bundesstaat Pennsylvania wohnte und dass Davids Großvater ein im Kohlenbergbau tätiger Grubenarbeiter gewesen war. Seine Mutter ist in der Zeit zwischen den Weltkriegen aufgewachsen, als die wichtigsten Dinge der Welt waren: Geld zu haben, die Etikette genau zu wahren und in den richtigen Orten mit den richtigen Leuten zu sein. Auf diese Art und Weise nicht zu leben – so etwas nicht zu haben oder nicht zu sein oder nicht zu tun – war für Davids Mutter eine Art von glühender Schande, unter der sie ganz furchtbar litt; es war etwas, das sie in der geheimen Tiefe – wenn man es so ausdrücken kann – ihres Herzens empfand.

Anscheinend schämte sie sich fast jeder Sache von ihrem Leben. Sie schämte sich ihrer Eltern, ihrer Herkunft und ihrer ganzen Familie, die sie für ungehobelt und ungebildet hielt. Anscheinend schämte sich die arme Frau auch jeder einzigen Sache von ihrer eigenen Person, aber sie neigte auch zu einer Art von unbeugsamen Hochmut, der sie entschlossen machte, alles in ihrer Persönlichkeit zu überwinden, das sie als Charakterfehler sah, koste es, was es wolle. Es sah ganz so aus, als wurde sie von einem unerbittlichen Ehrgeiz getrieben, der in sich vereinigt wurde, mit diesem Instinkt, den sie hatte, für Kontrolle und Vorherrschaft.

Ihre Instinkte und Ambitionen aber, egal wie dunkel diese gewesen sein mögen, schienen auf eine seltsame Art und Weise blockiert zu werden, durch gewisse erbärmlich verdrehte Elemente ihrer Persönlichkeit, Elemente, über die David auch nicht Vermutungen hätte anstellen können. Sie wurde auch durch die Angst blockiert, immer wieder zum Scheitern verurteilt zu sein. Mit anderen Worten, sie wurde daran gehindert, ihren Instinkten und Ambitionen zu folgen, weil sie sich ständig davor fürchtete, zutiefst beschämt oder verlegen zu sein.

Trotzdem, wenn sie es versucht hätte, als ledige und selbständige Frau ihre Ambitionen zu verwirklichen, wie etliche Frauen auch von ihrer Generation es bewerkstelligten, hätte sie vielleicht wenigstens einen Teil davon erreicht, was – aus ihrem Gesichtspunkt — sie wollte. Leider, als sie doch heiratete, wurde ihre Ehe der Inbegriff der Widersprüche, die ihr Leben enthielt.

Vielleicht am Anfang hatte sie eine vage Idee, dass sie ihre Ambitionen indirekt, durch die Leistung ihres Mannes, verwirklichen würde; die meisten Frauen ihrer Generation erzogen worden waren, so zu denken. Schließlich aber hat sie sich in eine unmögliche Lage versetzt, durch ihre Ehe. Sie wollte Reichtum haben und wollte ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft sein; sie wollte auch einen Ehemann bekommen, der ihr dieses Reichtum und hohen gesellschaftlichen Status verschaffen könnte. Diese Art Ehemann aber hätte über eine starke, aggressive Persönlichkeit verfügen müssen; er hätte die Art Mann sein müssen, der seine ganze Familie – darunter seine Frau – beherrscht und kontrolliert. Selbstverständlich hätte Davids Mutter sich nie erlauben können, einen solchen Mann zu heiraten, einem solchen Mann – oder einem Mann überhaupt – untergeordnet zu sein. Sie war es, die die Familie führen müsste. Sie – und nicht ihr Mann – war es, die immer im Mittelpunkt stehen müsste. Sie – und nicht ihr Mann – war es, die dafür sorgen müsste, dass alle anderen Mitglieder der Familie in abhängigem Zustand bleiben würden.

Aber selbstverständlich war die einzige Art von Mann, der eine solche Frau heiraten würde, bestimmt nicht ein von Ehrgeiz und Karriere getriebener Mann. Er war kein Mann, der die Ziele von Geld und sozialer Stellung erreichen könnte, die so einer Frau vorschwebten, Ziele, die von zentraler Bedeutung für ihre Vorstellung von Glück waren. Die einzige Art von Mann, den Davids Mutter heiraten konnte, war ein liebenswürdiger und gutherziger Mann, den sie leicht bändigen und manipulieren könnte, einen Mann, der mit einem normalen, bürgerlichen Lebensstil zufrieden war.

Dieser schreckliche Widerspruch, der im Herzen ihres Lebens und ihrer Ehe lag, scheint manchmal Davids Mutter fast auseinander gerissen zu haben. Das muss die Hauptursache des unsäglichen Leidens gewesen sein, das sie zu ertragen hatte, und auch die Ursache des Leidens, das sie sich gedrungen fühlte, anderen zuzufügen.



Teil 1, Kapitel 13

„Ach, das weiß ich heute: nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt!“
–Hermann Hesse
Demian

Wenn die Ehe seiner Mutter ihr unmöglich war, war sie seinem Vater auch unmöglich. Im Laufe der Zeit, würde die Situation für sie beide und auch für David fast unerträglich.

Auch als Kind, hatte David das Gefühl, dass er der Familie entkommen wollte. Einmal in der Schule, als er ungefähr neun Jahre alt war, mussten alle Schüler eine schriftliche Aufgabe ausführen, wo sie eine Reihe von unvollendeten Sätzen vervollständigen. Einer dieser Sätze begann, „Ich wünschte, . . . .“ Obwohl es vielleicht andere Kinder waren, die dieselben Gefühle hatten, wie er, war er wahrscheinlich das einzige, das den dadurch vervollständigte, dass er schrieb, „Ich wünschte, ich hätte Mut genug, um von zu Hause abzuhauen.“

Die Lehrerin gab ihm die Aufgabe nicht zurück, aber nach ein paar Tagen fragte ihn seine Mutter – die ihn schließlich auf ihre eigene besitzergreifende Art und Weise vielleicht liebte – ob es irgendetwas gab, das ihn unglücklich machte. Natürlich sagte er, „Nein.“ Was hätte er sonst sagen können? Wenn ein Kind sich mit einem unermesslichen Universum von fast überwältigendem Weh konfrontiert sieht, mit einem Gefühl großen und allgemeinen Elends, das er unmöglich weder begreifen noch artikulieren kann, was kann er sonst sagen? Wie kann er eine solche Frage beantworten, zumal diejenige, die die Frage stellt, ein und dieselbe Person ist, die – aus seiner beschränkten Sicht – als der Urheberin von allem, was bei einem Erwachsenen ein großes Gefühl von Verzweiflung wäre, auftaucht, als ob sie eine gigantische Spinne wäre, die in der Mitte eines Netzes wartete?

Schließlich erlebt ein Kind in einer solchen Situation ein Gefühl der fast ständigen Angst, eine Vorstellung von Finsternis, die sich nach allen Richtungen ausdehnt, als ob er davon überzeugt wäre, er würde sein ganzes Leben lang nichts anderes tun können als trauern.

In diesem Fall, für einen so kleinen Jungen, was genau war die Quelle solchen großen Kummers? Es war ein grenzenloses Gefühl des Grams und der Traurigkeit, das von seiner armen Mutter fließen schien, ihre fest verankerte Schwermut und die rein verrückte Art und Weise, auf die sie, eine so bemitleidenswerte Frau, die Welt betrachtete. Später, als Erwachsener, konnte er mit ihrem Leid Mitleid empfinden, und mit dessen Ursache, wie auch immer diese Ursache geartet war, aber der kleine Junge, der er damals war, konnte das nicht verstehen, was geschah. Der Junge hasste seine Mutter nicht. Er hatte wirklich keine Angst vor ihr. Er wusste aber, dass sie ihm wehtat, und er wollte aus dem fast tastbaren Gefühl der Instabilität, das sie erzeugte, fliehen. Ihre Nervosität, ihre Unsicherheit, die ständigen Veränderungen an ihrer Stimmung und Persönlichkeit, all das war für ein Kind überwältigend. Noch einmal: sie war bei weitem die dominierende Macht in der Familieneinheit.

Sie war auch die unbezweifelbare Quelle der Spannung mit Davids Vater, und als David in den ersten Teenagerjahren war, wurde diese Spannung zwischen seiner Mutter und seinem Vater immer größer. Es gab noch viel mehr Gezanke, die sich mit Perioden abwechselte, wo sie eiskalt gegen einander handelten. Das Benehmen seiner Mutter war manchmal fast hysterisch. Oft, zu einem späteren Zeitpunkt, erinnerte er sich daran, zum Beispiel, dass die arme Frau sich einmal im Keller einschloss und dort stundenlang weinte.

Also später, im Laufe der Zeit, begann er sie vor allem als eine äußerst unglückliche Frau zu betrachten. Damals aber waren ihre Taten verwirrend, verblüffend, und oft ein wenig desorientierend. Wenn er als Kind eine andere Persönlichkeit hätte, dann vielleicht hätten das unberechenbare Benehmen und die starken Stimmungsschwankungen seiner Mutter kaum einen Eindruck auf ihn gemacht. Dennoch, ob sie wusste, was sie tat, oder nicht, hatte sie ihn von Freunden in seinem eigenen Alter allmählich abgeschnitten. Sie hat ihn meistens auf eine geschickte und wortlose Art und Weise davon abgehalten, mit diesen Freunden umzugehen. Im Ergebnis wurde er verschlossen, isoliert, gehemmt, ein Mensch, der in einer Welt von Büchern lebte. Unter diesen Umständen wurde seine arme Mutter die einzige bedeutende Person in seinem Leben, da es fast keine andere Person gab, mindestens während der entscheidenden Lebensjahre, als er nur den fest geschlossenen und erdrückenden Familienkreis um ihn herum hatte.

Es war nicht immer so gewesen. Als er sehr jung war – vielleicht im Alter von sechs oder sieben Jahren – gab es Zeiten, als er fast immer draußen spielte und erkundete. Er benahm sich immer so wild und frei wie jeder andere Junge in diesem Alter. Oder genauer gesagt, das tat er, bis seine Mutter ihn eines Tages, als er nach Hause kam, dadurch in Schrecken versetzte, dass sie ihm sagte, dass, wenn er wieder allein nach draußen ging, die Polizei hinter ihm herkommen und etwas Schreckliches tun würde. Natürlich wurde genau das, was die Polizei tun könnte, nie klargemacht. Von diesem Zeitpunkt an wurde er in jeder Situation außerhalb der Familie – und den meisten Situationen innerhalb davon – immer ängstlicher und schüchterner.

Also später, als seine Mutter, diese Schlüsselfigur in seiner kleinen Welt, anfing, sich auf eine labile Art und Weise zu verhalten, hatte er anscheinend nichts, was ihm ein Gefühl der Stabilität geben konnte. Jedes Ereignis und jeder Mensch schienen, voll von gefährlichen Unklarheiten zu sein und bei ihm ein unaufhörliches Gefühl der Besorgnis zu erwecken. Er wusste nicht, an wen er sich um Hilfe wenden könnte.

Obwohl er immer sehr gute Noten in der Schule bekommen hatte, und irgendwie gute Noten weiterbekam, hatte er das Gefühl, dass die Probleme, denen er begegnete, zu groß und kompliziert, zu tief und schwierig waren, als dass seine Lehrer sie hätten verstehen können. Er konnte es nicht über sich bringen, sogar zu versuchen, mit jedem von ihnen über die Ängste, die Fragen und die Ungewissheiten in seinem Inneren zu diskutieren.

Alles schien so hoffnungslos zu sein.

Und doch brauchte er irgendjemanden, mit wem er sprechen konnte. Manchmal hatte er das Gefühl, dass, wenn er nicht mit einem anderen Menschen sprach, würde er eine Art Endstadium von Desorientierung erreichen, wovon es keine Rückkehr gebe. Aber an wen konnte er sich wenden? Er fühlte sich völlig hilflos. Er wollte unbedingt einen Platz finden, wo es Menschen gab, die einen Sinn seiner Existenz verleihen könnten, die ihm dabei helfen würden, eine Welt zu verstehen, die jeden Tag immer sinnloser zu werden schien.

Als er sich aber umsah, verstand er allmählich, dass der Platz, den er suchte, gar nicht so weit weg war. Paradoxerweise war es eigentlich seine Mutter, die, völlig ahnungslos, ihm den Pfad dazu zeigte.

Trotz all ihrer Instabilität, war sie anscheinend sicher, er sollte – irgendwie – als Katholik erzogen werden. Das war es, das ihn schließlich ermöglichte, den Platz zu finden, den er suchte, den Platz, wo es ihm – mindestens eine Weile – schien, dass er einen Sinn für seine Existenz finden könnte, oder den Platz, wo, glaubte er, er den einzigen echten Sinn seiner Existenz finden könnte.



Teil 1, Kapitel 14

„ ‚Dann gib dir Mühe’, fuhr jener fort, ‚dass du so gut seist, wie alle Welt von dir glaubt! Denn viele haben großes Vertrauen zu dir. Darum möchte ich dir sagen: Achte, dass in dir nichts anderes sei, als was die Leute von dir erwarten!’ “
–Franz von Assisi
Legenden und Laude

Davids Vater war nicht besonders fromm, aber die Familie war katholisch, also entschiedet sich man dafür, dass Davids Mutter und Vater in der katholischen Kirche heiraten würden.

Da Davids Mutter aber keine Katholikin war, musste sie einen Kurs im Glauben der katholischen Kirche mitmachen und in die Kirche aufgenommen werden, bevor das Paar heiraten konnte.

Davids Mutter hat nie sehr viel über ihre Familie gesprochen, und bestimmt nicht viel über deren Glauben. Das war ein Thema, das sie anscheinend nicht besprechen wollte. David hatte wirklich keine Ahnung davon, welche Religion die Familie seiner Mutter praktizierte, oder welche Rolle Religion bei ihrem Denken spielte, bevor sie Katholikin wurde.

Weil sie immer so schweigsam war, wo es um dieses Thema ging, fragte er sich oft, ob es etwas gab, das sie verbergen wollte. Er fragte sich, zum Beispiel, ob die Familie möglicherweise hätte jüdisch sein können. Wie die Zeit verging, schien es ihm eindeutig, dass sie irgendwann – vielleicht als sie nach Amerika auswanderten, vor dem Ersten Weltkrieg – die Entscheidung getroffen haben, in die moderne, amerikanische Gesellschaft komplett integriert zu werden. Die einzige Unterstützung, die er für eine solche Idee hatte, war etwas schwach, aber aus dieser Unterstützung konnte er einen klaren Schluss ziehen – oder so dachte er. Das, was er bemerkt hatte, war die Tatsache, dass die Familie seiner Mutter neigte dazu, bestimmtes Nahrungsmittel immer vorzuziehen, die Tatsache, dass in Amerika die Familie sich für eine kirchliche Gemeinschaft entschieden hatte, deren wöchentlicher heiliger Tag nicht Sonntag war, sondern Samstag, und die Tatsache, dass viele Juden Litauen verlassen hatten, wegen religiöser Verfolgung. Es gab auch die Tatsache, dass es für ihn so sehr angenehm war, mit Juden zu sprechen und das Gefühl zu haben, dass diese ihn auf irgendeine tiefsinnige Art und Weise verstanden, genauso wie er sie verstand. Andererseits ist es möglich, dass Davids Großeltern mütterlicherseits in irgendeine dissidente politische Aktivität verwickelt waren und das Land verlassen mussten.

Es ist auch möglich, vielleicht, dass beide Eventualitäten der Wahrheit entsprachen: Davids Großeltern hätten Juden sein können, die in dissidente politische Aktivität verwickelt waren und das Land verlassen mussten.

Wie dem auch sei, Davids Großeltern mütterlicherseits waren arme Einwanderer, die anscheinend nicht die Frage der Religion ernst nahmen, entweder weil sie den Glauben verloren hatten – welchen Glauben sie auch haben mochten – oder weil sie weder die Zeit noch die inneren Reserven hatten, um sich mit solchen Angelegenheiten zu befassen. Ihre Religion, sozusagen, war vielleicht einfach der Versuch, zu überleben.

Als Davids Mutter aber Katholikin wurde, war sie in Bezug darauf aufrichtig, und auch fromm. Tatsächlich schien es ihm oft, dass sie sich vielleicht auf ihre eigene Art und Weise sehr angestrengt habe, der Lehre der Kirche zu befolgen, so gut wie sie es im Laufe ihres Lebens tun konnte, mindestens zum Großteil. Wenn sie versagte, vielleicht war der einzige Grund dazu, dass sie überwältigt war, vom Materialismus und Selbstsüchtigkeit der Gesellschaft, in der sie lebte. Sie schien aber fest entschlossen zu sein, ihre Kinder als Katholiken großziehen zu versuchen, egal welche Veränderungen oder Umwälzungen in ihrem eigenen Leben stattfinden könnten. Vielleicht hat sie das getan, weil sie der aufrichtigen Überzeugung war, dass sie das tun müsste, oder vielleicht hat sie es getan, weil, so wie viele Juden, die sich bekehrt haben (wenn sie tatsächlich Judin gewesen war), betrachtete sie die katholische Kirche als eine mächtige Kraft, und sie wollte auf der Seite dieser Kraft stehen.

Als es Zeit war, für David zum Kindergarten zu gehen, wurde er zu einer teuren katholischen Schule geschickt, wo die Nonnen – wie er sich an sie später erinnerte – immer liebenswürdig und gutherzig waren. Besonders eine davon schien ihn sehr zu mögen, und viel später wollte er denken, dass sie einer der Menschen war, deren Gebete ihn irgendwie daran gehindert hatten, sich selbst und sein Leben völlig zu vergeuden; sie war vielleicht auch durch ihre Gebete einer der Menschen, die ihm geholfen hatten, schließlich zu überleben.

Obwohl er wusste, dass es eine ziemlich banale Idee sei, als er an diese Nonne dachte, erinnerte er sich daran, dass sie möglicherweise einigen der größten Heiligen ähnlich hätte sein können. Diese sind vielleicht genau die Menschen, die wir sehr wenig beziehungsweise überhaupt nicht kennen, die gar keine sichtbare Spur ihrer Existenz hinterlassen, deren Leben und Einfluss verborgen und unbekannt sind. Er wusste, dass er sie wahrscheinlich idealisiere, aber er wollte glauben, dass sie so ein Mensch sei, weil dann es die Möglichkeit gibt, dass sie für ihn sein ganzes Leben lang beten würde. Bis ans Ende. Er meinte, er würde das brauchen.

Aber natürlich als Kind, dachte er nicht über diese Sachen nach. Als Kind, wenn er sich Gedanken über Religion machte, muss er sie auf dieselbe Art und Weise betrachtet haben, mehr oder weniger, wie fast alle Kinder es tun. Seine Eltern brachten ihn und seinen Bruder zur heiligen Messe in die Kirche neben dem Kindergarten, den er besuchte, und er sah die Messe durch die verständnislosen Augen eines Kindes. . Er war – oder so ging er davon aus, Jahre später – oft unruhig während der Messe, wie so oft kleine Kinder es sind. Aber es gab einen Teil der Feier, auf den er sich jede Woche freute, und er betrachtete diesen Teil als eine Art von Belohnung dafür, dass er die langen und anscheinend ereignislosen Momente hindurch warten musste. Das, worauf er sich freute – obwohl er es damals nicht nennen konnte – war die Lesung des Evangeliums. Im Alter von sechs oder sieben Jahren konnte er bestimmt nicht die Bedeutung davon begreifen, was er hörte. Er wusste nur, dass es eine Art interessante Geschichte gewesen sei, etwas, das ihn fesselte, weil es irgendwie einnehmend und auch unterhaltsam war.

Trotz allem, gab es eine Lesung aus dem Evangelium, insbesondere, dass er nie vergessen würde, in all den darauf folgenden Jahren. Ob er die Bedeutung wirklich erfasste, das erste Mal, wo er die Lesung hörte, oder ob er sie zu verstehen begann, nur nach etlichen Lesungen, das kann er jetzt natürlich nicht wissen. Er hat aber immer gedacht, dass diese Erinnerung vielleicht wichtig sein könnte.

Es ging um das Gleichnis, das sich auf den Sämann bezieht. Ein Mann ging aus, um Körner auszusäen, und als er säte, die Körner fiel auf verschiedene Sorten von Erde, aber es war nur die Körner, die auf guten Boden fielen und Frucht brachten.

David nie genau wusste, wie alt er war, als er das Gleichnis wirklich verstand. Aber egal, ob er im Alter von sechs oder zehn oder zwölf war, das, was er verstand, war, dass er wollte unbedingt diesem guten Boden zu ähneln. Er wollte, dass ein Teil der Körner auf seine Seele fallen und gedeihen würde.

Er erinnerte sich daran, dass er in all den langen Jahren, die nachkamen, pflegte sich immer wieder zu denken, „Wenn nicht jetzt, Herr, wann?“ Und er hoffte, dass die Nonne immer noch für ihn betete.



Teil 1, Kapitel 15

„Ich habe so ein unbestimmtes Gefühl, dass alles gut ausgehen wird. Ich freue mich maßlos auf den Tag, da alles vergessen sein wird und ich wieder ein anderer Mensch sein werde. Mein ganzer Körper, jede Sehne, jede Ader sehnt sich nach Leben, ich muss meine Kraft ausnutzen“.
–Hans Scholl
Briefe und Aufzeichnungen

Nach der Kindergartenzeit, gab es mehrere Jahre, wo er sich fast ausschließlich des Aufruhrs und Durcheinanders bewusst war, die in den Beziehungen zwischen allen Familienmitgliedern, ihm und seinem Brüder und seiner Mutter und seinem Vater, existierten.

Jahre später würde er sich nicht daran erinnern können, dass er in dieser Zeit die Heilige Messe besucht hätte, obwohl er das getan haben muss. Eigentlich würde er sich an nichts erinnern können, was damals, zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben, mit der Kirche zu tun hätte. Nur an Konflikt und Schmerzen konnte er sich erinnern.

Seine Erinnerungen aber waren bruchstückhaft: seine Mutter, als sie schrie und mit einer Nachbarin stritt; die Familie, als sie ihr warmes und angenehmes Zuhause verlassen musste, weil – dies erführ er später – sein Vater keine Arbeit mehr hatte; und dann nochmals die Familie, als sie in ein winziges, heruntergekommenes Haus in einer armen Gemeinde einzog, einem Vorort von Cleveland, in der Nähe vom Eriesee, wo es immer Winterzeit zu sein schien und wo seine Mutter ständig sehr traurig wirkte. Er erinnerte sich auch daran, als kleines Kind allein im Haus gelassen zu werden, als er auf seine Mutter wartete, und er selbst war damals traurig und er weinte, weil sie nicht da war.

Auch erinnerte er sich, an eine Buchreihe, die auf den Bücherregalen im kleinen Wohnzimmer stand. Irgendwo hatten sich seine Eltern die gesammelte Ausgabe von Mark Twain erworben, und lange bevor er diese Bücher lesen konnte, pflegte er, die darin erhaltenen Abbildungen anzuschauen und über die merkwürdigen und wunderbaren Möglichkeiten nachzudenken, wovon diese Illustrationen voll zu sein schienen. Die Geschichten verstand er gut genug, um Tom Sawyer und Huck Finn um ihre Leben zu beneiden, weil für ihn die Leben dieser Jungen Freiheit und das Mysterium des Abenteuers verkörperten. Er wünschte, dass auch er jene Art von Leben führen konnte; er wünschte, dass er eine Höhle erforschen oder auf einem langen und anscheinend endlosen Fluss segeln konnte, bis er das Meer erreichte.

Doch auf irgendeine Art und Weise führte er genau jene Art von Leben, das er sich wünschte, und von der Zeit, wo er sehr jung war, führte er es. Es stellte sich aber heraus, dass die Höhlen tiefer und entsetzlicher waren, und der Fluss länger und seltsamer, als jeder Fluss, den die Helden von Mark Twain erlebt haben.

Nachdem er eigentlich begann, Twains Bücher zu lesen, begann er andere Bücher auch anzuschauen; obwohl einige davon natürlich einfache Versionen für Kinder oder junge Leute waren. Er las Bücher, wie die Geschichte von Robinson Crusoe, die ihm vielleicht irgendwie half, die Welt und die Art und Weise, wie er sie erlebte, zu verstehen: das Alleinsein eines Menschen, der auf einer einsamen Insel verlassen wurde, oder die einsame Insel, die seine Familie war, oder die Einsamkeit des menschlichen Herzens. Auch damals hatte er fast keine Freunde. Er fühlte sich unbeholfen und schüchtern – zwei Merkmale, die er in jungen Jahren erworben hatte und die er jetzt nicht loswerden konnte, Merkmale, die er wahrscheinlich mit sich ins Grab nehmen würde.

Die Schüchternheit wurde anscheinend durch das Gefühl von Nichtsnutzigkeit verursacht, das seine Mutter ihm völlig ahnungslos vermittelt hatte, sogar als er Junge war.

Davids Unbeholfenheit stammte von seinem armen Vater, dem das Leben im Allgemeinen und vor allem Davids Mutter das Gefühl der Unzulänglichkeit gegeben hatten. Die einzige Quelle der Selbstachtung, die Davids Vater hatte, stammte daraus, dass er David überlegen fühlen konnte: David hätte so wenige Freunde, David wäre so sehr unbeholfen, David sei oft von anderen Kindern und auch manchmal von Lehrern schikaniert geworden.

Das Bedürfnis, das Davids armer Vater nach Selbstachtung hatte, und sein Bedürfnis danach, David überlegen zu fühlen, waren in verschiedener Weise deutlich: in emotionaler Kälte, in Wutausbrüchen und im Spott, den er auf David richtete, insbesondere wenn David aufzeigte, wie unbeholfen er sein konnte.

Der arme Mann war so verletzt worden, dass, anstatt David zu helfen, irgendeine athletische Fähigkeit zu entwickeln oder mindestens ihm dazu zu ermuntern, er zumeist über David nur spotten konnte. Offenbar nur so konnte er mit seinem eigenen Gefühl der Wertlosigkeit umgehen.

Gleichzeitig wurde Davids Unfähigkeit, Sport gut zu treiben, von seiner armen Mutter sorgfältig genährt. Es wurde ihm auf unzählige Arten und Weisen von dieser bemitleidenswerten Dame mitgeteilt, dass alle Sportarten schließlich eine echte Zeitverschwendung seien. Also war er unfähig alle wichtigen sozialen und psychologischen Kenntnisse zu erwerben, die Sporttreiben bieten kann. Wahrscheinlich wusste seine Mutter nicht, was sie tat, aber auf diese Weise konnte sie ihn von gleichaltrigen Freunden trennen, während sie gleichzeitig ihren eigenen tristen Hunger nach Zuneigung fütterte und diesen Hunger zu verzehrendem Besitzdenken einwickeln ließ.

Sie auch, genauso wie Davids Vater, hatte immer noch ernsthafte Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, aber sie ging auf subtilere Art und Weise mit diesen Problemen um. Anstatt Davids Gefühl seines eigenen Wertes unmittelbar anzugreifen, wie sein Vater es tat, höhlte sie es dadurch aus, dass sie in dauernden Wettbewerb mit ihm, ihrem Kind, zu treten begann. Ihr Ziel wurde es, ihm immer und immer wieder zu zeigen, wie viel intelligenter, stärker, erfolgreicher und schließlich reicher sie war, als er nicht einmal hätte hoffen können, zu sein. Schließlich ist sie eine dieser armen, traurigen Frauen geworden, die jeden Menschen in Reichweite fressen, sozusagen – insbesondere die Männer – als sie versuchen, ihre endlosen – und endlos leidvollen und selbstsüchtigen – Hunger danach zu stillen, eine wichtige Person zu sein. Und weil ihr eigener Sohn, David, in unmittelbarer Reichweite war, haben all diese blinden Impulse, denen sie hilflos ausgeliefert war, ihn fast vernichteten.

Viele Jahre später würde David sich fragen, ob seine Mutter und sein Vater alle Implikationen davon verstanden, was sie taten. Er würde zum Schluss kommen, dass sie natürlich nichts verstanden. Er würde allmählich sehen, dass seine Eltern nur das taten, was die meisten Menschen tun, wenn sie Schmerzen und Elend haben. Sie versuchen sehr oft anderen Menschen dasselbe Schmerzen zuzufügen. Diese anderen Menschen sind normalerweise diejenigen, die am nächsten stehen und die die Verwundbarsten sind, ihre eigenen Kinder.

Es ist aber für diese Kinder möglich, zu überleben, auch zu gedeihen und Menschen zu werden, deren Leben von großem Wert sind, trotz ihrer horrenden Kindheiten.

Als David sich schließlich bemühte, nach vielen Jahren, die Geschichte seines Lebens niederzuschreiben, nahm er an, dass er einen einzigen Grund dafür hatte. Er wollte versuchen, jedem, der diese Geschichte lesen würde, jedem, der vielleicht gelitten hatte, wie er, zu erzählen, dass man überleben kann und dass man anderen Menschen die schreckliche Zerstörung verzeihen kann, die diese Menschen – auch wenn es um seine Mutter und seinen Vater geht – in seinem Leben verursacht haben mögen.

David fing an, auch zu glauben, dass es möglich sei, dass, wenn man doch überlebt, der Grund dafür vielleicht sein könnte, dass Gott irgendwo existiert und dass er irgendwie geholfen hat, egal ob jemand das weiß oder es glaubt.

Schließlich kam David zu dem nicht sehr überraschenden Schluss, den Schluss, zu dem viele Leute gekommen sind, dass die Menschen vielleicht einen Fehler machen, wenn sie ihre Ansicht des Universums darauf einschränken, was man durch Wissenschaft und Vernunft beweisen können.

Obwohl er als Erwachsener so zu denken begann, blieb all das vage und diffus, als er Kind war.

In seiner Kindheit, beschäftigten ihn andere Anliegen. Er verstand, dass etwas beim Verhalten seiner Eltern schrecklich falsch gelaufen sei, aber er fühlte sich nicht in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen. Er fühlte sich eigentlich hilflos. Er war schließlich nur ein Kind. Über Jahre hinweg, zum Beispiel, würde er sich an die fast blendende Klarheit eines Nachmittags erinnern, wo er mit einer Art Entsetzen ein Dokumentarspiel im Fernsehen anschaute, wo die Schauspieler Familienverhältnisse schilderten, die den exakt gleichen Verhältnissen ähnelten, in denen er sich befand. Er muss ungefähr zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein und er sah zu, erschrocken und gebannt, wie die Mutter auf dem Bildschirm einen aggressiven, beherrschenden Charakter und eine intensiv besitzergreifende Einstellung zu ihren Kindern zeigte, genauso, wie seine eigene arme Mutter es tat. Andererseits war der Vater sanftmütig und unterwürfig gegenüber seiner Frau, genauso wie Davids Vater.

Die Sendung betonte, dass in einer solchen Familie die Söhne entweder überaus passive oder aber wild aggressive Menschen wären, wenn sie aufwachsen. Als David die Sendung anschaute, hatte er das Gefühl, dass seine ganze Gegenwart und vielleicht auch seine Zukunft vor seinen Augen ausgespielt wurden.

Diese Erfahrung war sogar erschreckender, weil er nur ein Kind war und an nichts anderes denken konnte, am Ende der Sendung, als zu seiner Mutter zu laufen und zu versuchen, immer wieder verzweifelt zu sagen, „Das ist es, was geschehen wird. Du kannst sehen, wie unglücklich ich sein werde.“

Selbstverständlich aber konnte er das nicht tun. Zum einen wusste er nicht einmal, wie er die Worte finden könnte, um alles zu erklären, was er gerade im Fernsehen gesehen hatte.

Also, im Alter von etwa zehn Jahren, fühlte er sich angesichts der Hoffnungslosigkeit seiner ganzen Situation völlig überfordert.



Teil 1, Kapitel 16

„Doch besonders bezeichnend ist es, dass der Rückschlag, der die Wiederherstellung, die Rettung zur Folge hat, immer ernster ist als der erste Stoß, der ihn zur Verneinung und Selbstvernichtung treibt. Jene erste Anwandlung ist eben immer eine Art kleinmütiger Erschlaffung, während der Rückschlag mit der Wiederherstellung und Rettung aus eigener Kraft immer etwas Großes ist, dem sich der…Mensch mit der größten, gewaltigsten und ernstesten Anstrengung hingibt“.
–Fjodor Dostojewski
Tagebuch eines Schriftstellers

Ungefähr zur gleichen Zeit, hatte Davids Mutter den seltsamen Wunsch – seltsam, wegen all dem, was später geschehen ist – ungefähr zur gleichen Zeit hatte Davids Mutter den seltsamen Wunsch, ihn als Katholik aufziehen zu lassen. Also ließ sie ihn für eine Katechismus-Klasse einschreiben, die jeden Samstag stattfand, damit er sich auf seine Erstkommunion und Firmung vorbereiten könnte.

Je mehr David darüber nachdachte, später im Leben, desto mehr verwunderte es ihn, dass der Glaube damals so wichtig für seine Mutter war, dass sie ihn dazu bringen wollte, diese Sakramente zu empfangen, denn sie schien schließlich, einige Jahre später, fast keinen religiösen Glauben mehr zu haben. Oder vielleicht versuchte sie, mindestens unbewusst, mit Gott zu handeln: „Ich werde ihn katholisch aufziehen, aber dann erwarte ich, dass du das tun wirst, was ich von dir verlange.“

Andererseits ist es möglich, dass sie ihn zu diesen Katechismus-Klassen schickte, weil sie doch irgendeinen einfachen Glauben an die Lehren der katholischen Kirche hatte. Vielleicht hatte Davids arme Mutter, auf ihre seltsame Art und Weise, irgendeine vage Vorahnung davon, dass er so viel Hilfe wie möglich brauchen würde, um mit den unvermeidbaren Schwierigkeiten des Lebens umzugehen. Vielleicht hat sie es irgendwie gespürt – mindestens unbewusst – wie viel Schwärze und Verwirrung am Horizont für ihn lauert, und deshalb dachte sie, dass sie es ihm ermöglichen müsste, irgendeinen Ausweg irgendwann zu finden. Als er Jahre später darüber nachdachte, wusste er, dass all das ziemlich unwahrscheinlich war, aber trotzdem wollte er denken, dass es irgendwie wahr sein könnte.

Auf jeden Fall, wenn irgendetwas ihn schließlich rettete, vor all dem Chaos, das die Versuche der armen Frau, ihn zu besitzen und kontrollieren, verursachten, würde es diese kleine Entscheidung sein, die sie selbst getroffen hat, ihn zum Katechismus-Unterricht zu schicken.

Anscheinend ab und zu passiert es auf diese Art und Weise: diejenigen, die uns den größten Schaden zuzufügen, uns sehr oft – ob sie es wissen oder nicht – einen Ausweg lassen, uns ermöglichen, ihre Versuche zu vermeiden, uns zu verletzen. Wir werden vielleicht eine gewissen Intelligenz brauchen, um diesen Ausweg zu finden, und viel Mut um ihn einzuschlagen, aber es kann sein, dass das, was wir Vorsehung nennen, uns mit allem versorgen wird, das wir brauchen, um zu überleben.

Wo es aber um diesen wöchentlichen Religionsunterricht ging, am dramatischsten war die Tatsache, dass das, was passierte, überhaupt nichts sehr Dramatisches war, oder so schien es. Er lernte aber von den Nonnen, dass es normalerweise solche Augenblicke sind – Augenblicke, wo nichts Wichtiges anscheinend geschieht – die Gott auswählt, um irgendeine besonders große Veränderung zu verursachen, soweit es unsere Leben betrifft.

Und so war es für David, zu dieser Zeit.

Während die Monate vergingen, änderte ihn für immer alles, was allmählich in sein Bewusstsein rückte, infolge dieses Katechismusunterrichts. Denn, nahezu ohne es zu wissen, begann er – auch durch die Augen eines Kindes – in seinem Glauben einen geistlichen und intellektuellen „Ort“ von Beständigkeit und Geborgenheit zu sehen, einen „Ort“, wo alles sinnvoll war, wo auch Leid sinnvoll war.

Obwohl er den Verstand eines Kindes hatte – oder vielleicht weil er den Verstand eines Kindes hatte – konnte er anfangen, ein wenig davon nachzuvollziehen, was die Nonnen ihm und den anderen Kindern über die Leiden Christi vermittelten. Später im Leben würde er sich immer an einem Nachmittag erinnern, wo er in der Katechismus-Klasse war und plötzlich erfuhr er, wie schmerzhaft es gewesen sein muss, wenn die Hände und Füße durch Nägel durchgebohrt werden. Und genauso plötzlich – er musste es zugeben – fühlte er sich enorm dadurch erleichtert, dass er sicher sein könnte, dass er nie auf diese Art und Weise leiden muss.

Teresa von Avila schrieb – in einem Abschnitt, den eine der größten englischen Romanschriftstellerinnen auf unserer Literatur unauslöschlich eingeprägt hat – Teresa von Avila einmal schrieb, dass, als Kind, sie sich nach dem Märtyrertod sehnte. David aber sehnte danach, einen solchen Tod zu vermeiden, und hätte zugegeben, dass er das immer getan hatte. Er dachte immer sehr gern aber, dass es die Gebete der Heiligen Teresa war, die ihn dazu gebracht hatten, diese Tatsache zu verstehen: Die kleinen Martyrien, die wir jeden Tag durchleiden, können eine Quelle einer gewissen Freude sein. Natürlich klingt eine solche Idee wirklich dumm, in der Welt, in der wir heute leben. Schließlich aber begann er zu glauben, auf Gedeih und Verderb, dass es in diesen Momenten war, dass die Sehnsucht nach dem Sinn der Existenz gestillt werden kann, weil es in diesen Momenten ist, schien es ihm, dass wir alle miteinander und mit unserem endgültigen Schicksal wie verwoben sind.

Ob die Nonnen den Kindern, die sie unterrichteten, diese Idee irgendwie vermitteln konnten, oder ob David all das später erfuhr, glaubte er, dass es kein anderes langfristiges Ziel, keinen anderen Sinn seines Lebens gab, der ihm wirklich einleuchtete. Langfristig zu denken aber, auf eine anhaltende Art und Weise, das konnte er nicht tun. Er musste das zugeben.

Als er sein kindisches Gefühl der Erleichterung spürte, dass er nicht leiden müsste, wie Christus gelitten hat, vielleicht erahnte er auch gleichzeitig, dass er tatsächlich irgendetwas irgendwann leiden müsste, das ihm Schmerzen zufügen würde. Allmählich aber begann er zu glauben, dass, ganz gleich was für ein Leiden dies schließlich werden mag, es einen Sinn haben würde, auch wenn er selbst vielleicht nicht diesen Sinn erkennen könnte.

Als er endlich zu verstehen begann, anscheinend, dass das Leiden irgendeinen Sinn haben könnte, im Rahmen eines Glaubens, der das überschreitet, was wir über die materielle Welt wissen können, war es zu einem Zeitpunkt, als alles, was um ihn herum lag, und das Leben selbst, sinnlos zu scheinen anfingen. Er konnte aber dieses Gefühl von Zwecklosigkeit daran hindern, ihn zu zerstören, weil er irgendwie die Gewissheit erworben hatte, dass die Antwort auf die Frage, „Warum existiere ich?“ furchtbar einfach war, obwohl auch undurchdringlich mysteriös. Es war die Antwort, die die Nonnen gelehrt hatten, die Antwort, die er erst nach vielen Jahren verstand: „Gott hat mich erschaffen, um Ihn zu kennen, Ihn zu lieben, und Ihm zu dienen in dieser Welt, und um glücklich mit Ihm zu sein, für immer, im Himmel.“

Natürlich klingt das einfach, und tatsächlich ist es einfach, und für viele Leute wird es sogar einfältig klingen. Für David aber war diese Meinung anderer Leute nicht wichtig; er hatte immer gedacht, dass die größten Wahrheiten so seien. Die scheinen einfach, auch zu einfach, und wenn wir nicht das verstehen können, was sie implizieren — oder wenn wir nicht imstande sind, zu versuchen, ihre Implikationen auszuleben — können sie sich äußerst dumm anhören: „Ich bin der ich bin.“ „Energie ist gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat.“ „Alle Menschen werden gleich erschaffen.“ „Es ist nicht möglich, den Ort und den Impuls eines Quantenobjektes gleichzeitig exakt zu messen.“

David glaubte – und er wurde deswegen oft ausgelacht – dass, wenn wir keine Einsicht oder keine Vorstellungskraft in die Waagschale werfen, der Reichtum des Sinnes überall unsichtbar ist, egal ob es um das Leben geht, oder um Literatur, um Wissenschaft oder um sonst etwas. Und wo es sich um den Glauben handelte, und den Sinn des Lebens, was ist, wenn wir Einsicht haben und trotzdem es unmöglich finden, an etwas zu glauben? Die Nonnen haben David das gelehrt, was der Heilige Augustinus einmal sagte – und dies könnte die allereinfältigste Wahrheit – wenn wir um Glauben bitten, wird Gott ihn uns geben.

Ab und zu fragte er sich, ob es sich nur um Selbsttäuschung handele, und er wusste, dass das möglicherweise der Fall sei. Ja, so könnte es sein, außer dass er wusste, dass die Nonnen sagen würden, dass es Menschen gibt, die aus Erfahrung sprechen, und diese sagen uns, Gebete können auf eine Art und Weise erhört werden, die jede erdenkliche Selbsttäuschung ausschließt – oder besser gesagt, überschreitet.

All das aber hat er viel später erfahren. Als Kind und als – vielleicht naiver – junger Mann, genügte es ihm, sich noch einmal daran zu erinnern, was die Nonnen gesagt hatten, „Gott hat uns erschafft, um in diesem Leben ihn zu kennen, ihn zu lieben und ihm zu dienen, und mit ihm im Jenseits für immer glücklich zu sein.“ Schließlich, und viel später, begann David zu glauben – zu Recht oder zu Unrecht – dass er niemals – trotz allem, sogar trotz all dem, was er in seinem Leben falsch gemacht hatte – die Implikationen jener Äußerung ausschöpfen oder anderswo Stabilität und Kraft finden würde. Er glaubte später, dass diese Aussage ein Ausdruck der Idee – sogar eine Verkörperung der Idee – sei, dass, wenn wir versuchen das Richtige zu tun, egal was passieren mag, dann können wir uns alle sicher fühlen, im tiefsten Sitz unseres Bewusstseins. Natürlich konnte er nicht diesen Glauben in seinem Leben immer verwirklichen, egal wie er sich bemüht, das zu tun.

Trotzdem glaubte er immer noch.

Als David sehr jung war, bevor er in der Sekundarschule war, und als es ihm leichter fiel, so etwas zu glauben, war das Gefühl der Geborgenheit, das er im Glauben fand, den die Nonnen ihn lehrten, entscheidend für sein Überleben. Ohne das hätte er nie später den sehr bescheidenen Erfolg erzielen können, den er in Harvard hatte. Er hätte niemals begonnen können, das kleinste Element des intellektuellen Lebens zu verstehen. Er hätte überhaupt nichts darüber verstanden. Der Sturm, den der Zusammenbruch der Ehe seiner Eltern verursachte, in David und in der Familie, und der Tumult seiner eigenen Adoleszenz hätten ihn mitgerissen und völlig zerstört.

Egal welche angeborene Intelligenz er in seiner späten Jugend besessen haben mag, sie wäre unbrauchbar gemacht worden, sie wäre vernichtet worden, bevor er sogar daran denken konnte, eine Universität wie Harvard zu besuchen, wenn er nicht alle Schmerzen und Schwierigkeiten seines Lebens in einem größeren Zusammenhang hätte betrachten können.

Er glaubte, dass sein Kopf nie hätte sogar begonnen können, sich zu entwickeln, wenn er sich nicht an die Idee hätte klammern können, die die Nonnen tief in seine Gedanken und sein Unbewusste auf indirektem Wege eingebettet hatten. Es war die Idee, dass er überleben muss und überleben würde, egal was passierte, nicht für ihn selbst – das war nicht genug – sondern weil er überzeugt war, dass Gott wollte, dass er überlebt – eine Idee, die heutzutage ziemlich exzentrisch scheint, gelinde gesagt. Und Gott wollte, dass er überlebt (dies hatten die Nonnen ihn gelehrt) damit die Ausgießung der Güte und des Glücks, die Gottes Natur ist, auch Davids Natur sein könnte – Davids Natur und die Natur aller anderen. Er glaubte, wenn Gott wollte, dass er besteht, wenn sozusagen selbst das Universum auf irgendeine blinde Art und Weise sein Überleben wollte, und wenn auch er bestehen wollte, dann würde er das einfach tun.

Schließlich aber, ging es dabei darum, dass Gott immer erhält, was er wünscht, so oder so. Das war es, was die Nonnen ihm beigebracht hatten. „Heisenberg hatte Recht“, bemerkte eine der Nonnen eines Tages, lachend, „und Einstein im Irrtum war, in einem Punkt.“ Sie strich sich den langen, schwarzen Schleier über die Schulter. „Gott würfelt doch. Das aber, was Einstein, auch mit all seinem Genie, vielleicht nicht sehen konnte, ist, dass das Spiel manipuliert wird, sozusagen. Das Universum ist eingerichtet, so dass Gott immer gewinnt. Vielleicht nicht sofort, und vielleicht nicht auf die Art und Weise, wie er – unserer Meinung nach – gewinnen sollte, doch schließlich gewinnt er, immer. Und für Gott, „schließlich“ könnte einen Tag bedeuten, oder eine Woche oder tausend Jahre oder sogar eine Million Jahre. Es ist ihm egal, wisst ihr.“

Dann hielt sie für einen Moment inne, bevor sie hinzufügte, „Und vielleicht sollte es uns auch egal sein.“



Teil 1, Kapitel 17

„Ich war damals noch ein Kind, aber es war die Rede davon, dass die guten Tage den verständigen Leuten zufielen, die besten Tage aber jenen, die unklug zu sein wagten“.
–Sigrid Undset
Kristin Lavranstochter

Mit zwölf oder dreizehn Jahren war David ganz schön durcheinander. Es schien ihm eine absolut hoffnungslose Aufgabe zu sein, sogar zu versuchen, das Leben zu verstehen.

Er sprach davon mit Ann und Clayton, an einem Sonntagnachmittag, einige Monate nach seinem ersten Besuch. Er saß auf dem Sofa, nach vorn lehnend und seine Kaffeetasse gut fassend. Sein Kopf hing nach unten und er sprach, als ob eine schwere Last ihm aufbürdete, als ob er dachte, dass er es nicht verdiene, gehört zu werden.

„Natürlich“, sagte er, „das, was mich dazu veranließ, zu denken, dass nur Gott eine Lösung meiner Probleme sein könnte, war die Tatsache, dass alle meine Befürchtungen und meine Gefühle der Unsicherheit schienen, so sehr überwältigend zu sein. Und es war niemand da, an den ich mich für Hilfe wenden konnte. Wenigstens kannte ich niemanden. Ich konnte mich nicht an meine Mutter wenden, weil sie in ihren eigenen Problemen verloren zu sein schien. Und ich hatte überhaupt keine Beziehung zu meinem Vater – meine Mutter hatte in mir die Vorstellung genährt, dass mein Vater mich nicht mochte, und selbst wenn er mich doch mochte, dachte ich, dass es gar keine Möglichkeit gab, dass er mir helfen konnte, denn meine arme Mutter hat mir auch beigebracht, ihn als einen so sehr inkompetenten Menschen zu sehen. Es mir nicht einmal eingefallen, zu versuchen, mit meinem Vater zu sprechen.“

Er senkte den Kopf und schaute in seine Kaffeetasse; er versuchte seine Tränen, kindische Tränen – das wusste er – zurückzuhalten. Als er endlich aufblickte, wendete sich Ann Clayton zu. Ihr Gesichtsausdruck war beklommen. „Liebling, es ist ein sehr schöner Tag; machen wir alle mit den Kindern einen Ausflug zum Walden Pond.“

„Es könnte voller Menschen sein. Schließlich ist es Sonntagnachmittag.“

„Dann könnten wir vielleicht in Concord einfach spazieren gehen,“ sagte Ann, und ihre Stimmlage erhöhte sich ein wenig. „Du weißt, wie schön es jetzt in Concord ist. Es ist nicht nötig, dass die Kinder mitfahren; sie sind alt genug, um hier zu bleiben und für sich zu sorgen. Später könnten wir dort zu Abend essen.“

Er schenkte ihnen besorgt einen Blick. „Es gibt keine Notwendigkeit nach Concord zu fahren,“ sagte er und fühlte sich doof, sobald er diese Worte sprach. Schließlich, dachte er bei sich, war es nicht dumm von ihm, davon auszugehen, dass diese plötzliche Entscheidung, nach Concord zu fahren, nur wegen ihm getroffen wurde? „Ich möchte wirklich gern mit Ihnen sprechen“, konnte er endlich sagen. “Während der letzten paar Wochen brauchte ich dringend jemanden, mit dem ich offen reden könnte. Ich wollte wirklich versuchen, jemandem – beiden von euch – etwas über mich zu erzählen.“

„Schon gut“, sagte Clay leise, „wir können hier bleiben, wenn du willst.“

„Oder vielleicht möchtest du mit Clay unter vier Augen sprechen“, sagte Ann. „Ich gehe oben, um zu sehen, wie es den Jungs geht.“

„Nein, bitte bleib hier“, sagte David, „oder jedenfalls komm schnell zurück. Ich würde mir wirklich wünschen, dass ihr beide hier seid.“

Ann setzte sich wieder, und sie sah Clay an, mit einem Gesichtsausdruck, den David nicht verstehen konnte. Wie es bei Heranwachsenden so oft passiert, fiel es ihm nie ein, dass Clay und Ann sich für seine Ideen nicht so interessierten, wie er selbst. Er wusste nur, dass er müsse mit ihnen sprechen, und sicher, dachte er, würden sie willens sein, ihm zu hören. Er war sich sicher, dass sie zwei von jenen „instinktiv gütigen“ Menschen, nach denen er gesucht hatte.

Natürlich wäre so eine Denkweise bei einem Erwachsenen egoistisch, aber David war in mancher Hinsicht kein echter Erwachsener. Er war in mancher Hinsicht immer noch unreif, und weil er nie Eltern gehabt hatte, mit denen er sprechen oder denen er anvertrauen konnte, gab es so viel, was er sagen wollte. Er brauchte Menschen, die ein Gefühl der Weisheit hatten, die das hören würden, was er zu sagen hatte, und die ihm helfen würden, dem Leben einen Sinn zu geben.

„Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war“, sagte er ihnen, „schien das Leben so verwirrend, dass ich glaubte, es wäre für mich eine hoffnungslose Aufgabe, sogar zu versuchen, es zu verstehen. Und doch dachte ich, dass ich dem Leben irgendwie einen Sinn geben müsste, oder ich würde verrückt.“

„Was meinst du?“ fragte Ann leise. „Wodurch schien das Leben verwirrend?“ Sie schaute ihn einen Augenblick an. „Woran lag es, dass du dich so gefühlt hast?“

Er schaute zu den beiden auf, rechtzeitig dafür zu sehen, wie Clayton Ann einen Blick zuwarf. „Was wollte Clay zu ihr sagen?“ dachte David bei sich. Dass sie vorsichtig sein sollte?

Er schwieg eine sehr lange Zeit, wie es ihm schien. Wie könnte er sie jemals dazu bringen, zu verstehen?

„Ich weiß, dies bedeutet wahrscheinlich nicht sehr viel“, sagte er endlich, „denn ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken kann. Ich weiß nicht, wie ich es in Worte fassen kann – es gibt so viele Dinge, die ich nicht in Worte fassen kann“. Er hielt noch einmal inne. Er wusste nicht, wie er ihnen das sagen könnte, was er dachte. Dann plötzlich schien es ihm, dass sie doch gar nichts verstehen könnten, jedenfalls nicht wirklich. Je länger er dort schweigend saß, desto schwerer für ihn war es zu sprechen. Er hatte das Gefühl, dass er nach irgendetwas suchte, das tief im Inneren verborgen lag, und dass die Welt von Worten und anderen Menschen weiter weg entschlüpfte, von Moment zu Moment.

„Du brauchst nicht im Augenblick alles erzählen“, sagte Ann.

„Aber ich will es euch erzählen. Ich muss es euch erzählen“. Stille herrschte. Die Worte lagen in ihm verschlossen und es schien, als ob er sie nicht befreien konnte. „Aber ich weiß nicht, wie ich das tun kann“, sagte er schließlich.

„Wenn du bereit bist“, sagte Clay, mit fast zu viel Schlichtheit, „dann wirst du es wissen“.

Vielleicht, dachte er sich, aber es würde nie einfach sein.

Plötzlich platzte es aus ihm heraus, „Es geht um Güte“. Und sobald er dieses Wort sagte, konnte er spüren, wie lächerlich es sich anhörte und wie weitab davon es war, was er wirklich sagen wollte.

„Güte?“ sagte Ann, und es schien ihm, dass er etwas wie Enttäuschung in ihrer Stimme hörte.

„Ja“, sagte er und zuckte die Achseln. „Ich weiß, wie dumm es klingt. Aber Tatsache ist, dass ich im Alter von zwölf Jahren wirklich gut sein wollte. War das so eine blöde Art und Weise zu denken?“ Er stellte seine Kaffeetasse ab und hielt den Kopf gebeugt, das Gesicht in den Händen. Er hatte das Gefühl, dass das, was er sagte, überhaupt keinen Sinn machte, vor allem, weil es nicht das war, was er wirklich sagen wollte. Es kam ihm vor, als wäre jede Idee, die er auszudrücken versuchte, verstummelt worden wäre, als er sprach. Es war, als ob irgendetwas in seinem Kopf alles verzerrte, was er zu äußern versuchte, es enkodierend, auf irgendeine Art und Weise, so dass es unmöglich war, etwas zu verstehen, ohne den Chiffrierschlüssel zu besitzen.

„Nein“, antwortete Clay sehr leise, „es ist überhaupt nicht falsch, so zu denken.“

David schaute ihn hoffnungsvoll an. „Alles, was ich wollte, war, ein guter Mensch zu sein. Es war mir so sehr wichtig, gut zu sein.“

„Aber David“, sagte Ann, „wie kommst du dazu, dass du nicht gut bist?“

„Ich weiß nicht genau, aber in dem Alter – im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren – du weißt schon, die Welt ist manchmal so sehr verwirrend, und ich hatte Angst – Dinge passieren in dem Alter – du weißt schon – und ich hatte Angst, dass ich nicht ein guter Mensch sein würde oder könnte.“

„Vielleicht“, sagte Clay, „wurdest du dich einfach der Existenz des Bösen – in dir und in anderen Menschen – bewusst. Weißt du, das ist nicht etwas Ungewöhnliches. Das muss mit jedem passieren.“

Jetzt griff David die Hände fest aneinander. „Ja, das weiß ich, oder zumindest glaube ich, es zu wissen. Aber es schien für mich noch schlimmer zu sein, als für andere Menschen. Ich habe noch niemanden kennengelernt, der so viele Schwierigkeiten hatte, alles zu begreifen; ich kenne niemanden, der schien, so viel endlosen Schmerz darin zu erfahren, erwachsen zu werden, wenn es das ist, was ich tue.“

Er schaute Ann nicht an, aber als sie sprach, wusste er, dass sie lächelte – aber auf eine gütige Art und Weise. „Normalerweise spricht man über solche Sachen nicht sehr offen. Jeder Mensch leidet, aber alle leiden nicht auf dieselbe Art und Weise – und die Menschen normalerweise machen sich einander nicht bewusst von der echt tiefen Art von Leid“.

„Wohl eher nicht.“ Er schaute sie an. „Ich weiß, dass du wahrscheinlich Recht hast, aber damals war alles in meinem Leben so sehr beängstigend und ich war so sehr allein. Ich glaube, das war das echte Problem. Ich war so sehr allein. Ich konnte nicht mit meinen Eltern oder Verwandten reden. Ich hatte keine engen Freunde. Es gab niemanden. Ich hatte das Gefühl, dass ich zerstört werden würde und dass, es niemanden gab, der mir helfen konnte.“

„Zerstört?“ fragte Clay.

„Tja, nicht buchstäblich zerstört, aber ich hatte das Gefühl, dass mein Leben bald kaputtgehen würde. Ich hatte das Gefühl, dass ich moralisch oder psychologisch zerstört werden könnte. Und außerdem in meinem Kopf war diese schrecklich Art von geistiger Verwirrung. Allmählich hatte ich mich nicht mehr in der Gewalt. Ich habe angefangen, Angst zu haben, dass ich vielleicht überhaupt nicht mehr funktionsfähig wäre – dass ich mich nicht mehr auf das Lernen konzentrieren könnte, das ich überhaupt nichts tun könnte. Ich hatte das Gefühl, wirklich, dass ich einfach wahnsinnig werden würde. Ich glaubte, ich muss etwas tun, aber ich wusste nicht, was ich tun sollte.“

Es wurde ganz still im Raum, und als er aufschaute, schienen alle beide hilfsbereit zu lächeln, als ob sie hofften, ihm zeigen zu können, dass sie verstanden. Er glaubte, sie hätten ihm helfen wollen, wenn sie nur gewusst hätten, wie sie es tun könnten.

Dann ist Clays Haltung seriöser geworden. “Also war es dann, dass du begonnen hast an Gott zu denken?” sagte er.

“Eines Tages, als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, bin ich nach unserem Gemeindezentrum gegangen, um mit einem Priester zu sprechen. Ich wollte beichten, weil ich seit langem nicht beichtet hatte, aber natürlich wollte ich noch etwas. Ich wollte eine endgültige Lösung all meiner Probleme finden.”

Dann erzählte er ihnen von dem hellen, kühlen Morgen des Frühsommers, als er zur Kirche in der Nähe seines Zuhauses Rad fuhr. Er konnte sich nicht an eine andere Zeit erinnern, wo er sich so allein fühlte oder wo eine solche Wolke der Verwirrung sein Gemüt erfüllte.

Seine Familie wohnte nur wenige Kilometer von der Kirche, aber an diesem Tag schien es ihm, dass die Kirche viel weiter entfernt war. Er hatte enorme Angst davor, mit dem Priester zu sprechen, aber er hat sogar mehr Angst, dass alles verloren gehen würde, wenn er nicht mit ihm sprach. Er wollte so sehr ein gutes Leben führen, aber in all der überwältigenden Orientiertungslosigkeit des frühen Erwachsungsalters, schien es ihm fast unmöglich ein guten Leben zu führen – er wusste einfach nicht, wie er all das überhaupt tun könnte. Er hatte aber das Gefühl, dass er Dinge getan hat, die falsch waren, und er wollte mindestens zur Beichte gehen, um all diese Dinge korrigieren zu lassen. Er brauchte alles in Ordnung zu bringen.

Er ist zum Pfarrhaus gekommen, einem soliden Gebäude, einem Zufluchtsort mit einer massiven gotischen Eingangstür und mit Festern aus kleinen daimantenförmigen Glasscheiben. Der Duft des frisch gemähten Rasens war sauber und süß in der Brise eines Sommermorgens.

Seine Glieder empfand er als dumpf und schwer, als er auf die Tür zuging und daran klingelte. Plötzlich, momentan, weil er jung und schwach war, schien es ihm, dass er nicht mehr konnte, dass er das Gebäude nicht betreten konnte, aber er war so weit gekommen, dachte er bei sich, dass es jetzt wirklich kein Zurück mehr gab.

(Fortsetzung folgt.)

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